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  1. #421
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    AW: Woke-Faschisten

    Gottschalk wird gecancelt – aber „Mütter ficken“ wird gefeiert
    Warum moralische Kompasse heute rotieren wie ein Windrad
    Es war nicht Neugier, sondern Pflicht. Ein weiterer Tag im Maschinenraum des Journalismus. Bei der oft lästigen Berufspflicht der täglichen Nachrichtenlektüre stieß ich auf einen dieser Namen, die in der öffentlichen Wahrnehmung längst omnipräsent sind – bei mir aber bislang durchs Raster gefallen waren. „Haftbefehl“. Rapper, Ikone, Kulturphänomen. Ich kannte den Namen, aber nicht die Musik. Also hörte ich rein. Keine Lust, keine Vorfreude. Recherche eben.

    Was ich zu hören bekam, war kein Klangteppich. Es war ein moralischer Erdrutsch.

    Nicht wegen der Beats – sondern wegen der Botschaft. Mein erster Fund bei der Recherche war ein Auftritt im Format „Halt die Fresse“ auf AGGRO.TV. Und das saß. Schon in den ersten Sekunden schreit Haftbefehl: „Jetzt werden Mütter gefickt – Haftbefehl, was ist los, Mutterficker?!“ Dazu ein Rudel martialisch auftretender Männer im Hintergrund – ein optisches Echo auf den Künstlernamen. Kein Kunstgriff, keine Inszenierung mit Distanz – sondern rohes, aggressives Zurschaustellen. Im weiteren Verlauf folgen Zeilen wie: „Die Knarre sie glänzt, mein Messer es glänzt… die Huren aus Tschechei, die Kugel aus Blei, das Blut aus Fleisch… fick dein Knüppel rein, ich spreng dein Heim.“ Man fragt sich nicht mehr, ob das ernst gemeint ist. Man fragt sich nur noch, warum das niemand stört.

    Und dann landete ich bei einem seiner bekanntesten Songs: „Ich rolle mit meim Besten“ – ein Titel, der nicht zufällig auch als obszöne Anspielung verstanden werden kann. Dort rappt er wörtlich: „Fick-deine-Mutter-Mukke, das ist die Message.“ Kein Zögern, keine Ironie, kein Augenzwinkern – sondern demonstrative Verachtung als Markenkern. In einem anderen Track prahlt er: „Ich ticke Kokain für die Juden von der Börse.“ Und in einem weiteren: „Fick die 110, fick deine Frau, fick dein Kind.“ Und dabei ist das nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Gesamtwerk, das sich längst nicht mehr hinter Andeutung versteckt. Das ist keine Provokation. Das ist Zersetzung. Sexualisierte Gewalt, antisemitische Klischees, Angriffe auf Frauen, Kinder, Polizei – nicht mehr als Tabubruch, sondern längst als Verkaufsstrategie.
    Ich war nicht empört. Ich war schockiert. Nicht über die Existenz solcher Musik – die gab es immer. Sondern über die Tatsache, dass genau diese Form von Entmenschlichung und Brutalisierung heute gefeiert wird: millionenfach geklickt, journalistisch verklärt, feuilletonistisch geadelt. Dass man das nicht nur duldet, sondern zum Kult erhebt – das sagt beängstigend viel über unsere Zeit. Es sind nicht die Grenzüberschreitungen selbst, die das Problem sind. Sondern die Standing Ovations dafür. Und sie kommen nicht von der Straße. Sie kommen aus der Mitte. Aus den Redaktionen, aus dem Kulturbetrieb, aus einer Gesellschaft, die lieber applaudiert als widerspricht – solange der Absender als unangreifbar gilt.

    Als mir all das durch den Kopf ging, musste ich an Thomas Gottschalk denken.

    Nicht an seine Aussage über Cher („die einzige Frau, die ich je ernst genommen habe“), nicht an den konkreten Shitstorm der Woche. Sondern an das Muster dahinter. Ich habe gerade erst einen neuen Text über ihn veröffentlicht – eine Analyse der kollektiven Erregung, die über Deutschland hereinbricht, wenn ein 70-Jähriger es wagt, Ironie öffentlich zu äußern. Der Mann macht seit Jahrzehnten genau das, was man von Entertainern erwartet: unterhalten. Doch heute reicht ein Halbsatz – und der mediale Dachstuhl brennt.

    Gottschalk hatte niemanden beleidigt, niemanden bedroht, keine Gewalt verherrlicht. Er hatte lediglich einen Scherz gemacht – und zuvor, vor zwei Jahren, einmal öffentlich gesagt, was er wirklich denkt. Und kritisiert, dass man heute nicht mehr sagen dürfe, was man denke. Und das reicht inzwischen, um medial behandelt zu werden wie ein Gefährder. Die Empörung kam wie immer: reflexartig, hysterisch, maßlos.

    Und dann höre ich, wie ein Rapper Mütter beleidigt, Gewalt glorifiziert, Menschen entmenschlicht – und dafür gefeiert wird. In genau diesem Moment war mir klar: Da ist sie wieder. Die selektive Empörung. Und zwar in besonders krasser Form. Mein erster Impuls: wegklicken. Mein zweiter: Nein. Du musst das beschreiben. Auch wenn es schwer fällt. Ja gerade dann.

    Denn Haftbefehl ist nicht das Problem. Er macht, was er immer gemacht hat. Das Problem ist die Gesellschaft, die ihn beklatscht – und dabei glaubt, besonders fortschrittlich zu sein. Die sich aufbläht vor Tugend, wenn ein weißer Boomer über Cher spricht – und verstummt, oder verzückt zur Feder greift, wenn ein migrantischer Rapper seine Gewaltfantasien ins Mikrofon schreit.

    In der Zeit „wird“ Haftbefehl als einer beschrieben, dessen Musik „radikal authentisch und ungefiltert“ sei. Manche Haltungs‑Journalisten zeichnen ihn gar als Chronist der Straße. Und in diversen Feuilletons wird sein Stil als sprachgewaltig gewertet – man hat fast den Eindruck, mancher Journalist vergießt Tränen der Rührung. Preise werden verliehen, Streamingzahlen steigen ins Astronomische, und ausgerechnet jene, die sich sonst für Antidiskriminierung starkmachen, tanzen zu Texten, in denen Frauen und Mütter mit pornografischer Wut zum Ziel erklärt werden.

    Und niemand sagt: Moment mal.

    Denn Kritik wäre gefährlich. Wer Haftbefehl kritisiert, riskiert sofort, als rückständig oder gar rassistisch zu gelten. Also schweigt man. Oder man klatscht gleich mit. Kulturelle Aneignung ist verboten – aber moralische Kapitulation scheint Pflicht.

    Die neue Regel lautet: Nicht was gesagt wird, entscheidet über Akzeptanz. Sondern wer es sagt.

    Und so ist das größte Missverständnis unserer Zeit nicht, dass wir zu empfindlich geworden sind. Sondern dass wir unsere Empfindlichkeit nach Belieben dosieren. Dass wir Menschen nicht mehr nach dem Inhalt ihrer Worte beurteilen – sondern nach Hautfarbe, Herkunft, Gesinnung.

    Gottschalk ist alt, weiß, reich – also ideale Projektionsfläche. Haftbefehl ist jung, migrantisch, rebellisch – also sakrosankt. Dass auch er längst zu den Reichen gehört, auf Millionenvermögen geschätzt wird und seine Luxusuhren nicht im Ghetto kauft, wird dabei geflissentlich übersehen. Im Land des kultivierten Sozialneids gilt Reichtum offenbar nur dann als anstößig, wenn er von der falschen Seite kommt.


    Diese Doppelmoral ist nicht einfach nur schreiend. Sie ist zerstörerisch. Denn sie zersetzt das, was eine offene Gesellschaft eigentlich ausmacht: gleiche Maßstäbe für alle. Natürlich gehört Übertreibung, Provokation, auch Gewalt-Rhetorik zum Stilmittel des Rap – das ist bekannt, das darf auch sein. Aber wenn Gewaltfantasien beklatscht und harmlose Sätze gejagt werden, dann ist klar: Es geht längst nicht mehr um Inhalte – sondern um Absender. Und um die Doppelmoral derer, die sich für moralisch überlegen halten.

    Nicht der Rapper, nicht der Entertainer sind das Problem. Sondern die Mehrheit, die das mitmacht – und sich dabei für aufgeklärt hält. Die sich für sensibel hält – und längst nur noch selektiv hinsieht. Deren moralischer Kompass nicht mehr nach Norden zeigt, sondern im Kreis rotiert – wie ein Windrad auf Speed.

    Wie ich es in meinem Gottschalk-Text formuliert habe: Das Problem ist eine Gesellschaft, in der man sich für Ironie entschuldigen muss – aber nicht für Verrohung.

    Genau das ist der Punkt: Wir leben in einer Gesellschaft, die sich den Anschein von Fortschritt gibt – aber innerlich längst kapituliert hat. Die lieber auf Symbole eindrischt als auf Strukturen blickt. Die sich über Halbsätze empört, aber echten Hass durchwinkt (und ich rede ausdrücklich nicht von Meinungsäußerung, die heute unter dem Etikett „Hass“ kriminalisiert wird). Die sich lieber über Sprache aufregt als über Gewalt. Weil es bequemer ist. Weil es keine Konsequenzen hat. Und weil es Applaus bringt – aus der „richtigen“ Ecke.
    Und so sitzt Haftbefehl am Schreibtisch – und weiß vermutlich ganz genau, was er tut. Er provoziert nicht versehentlich. Er produziert kalkulierte Grenzverletzungen. Weil sie heute Erfolg garantieren. Weil das System, das sich moralisch gibt, innerlich längst nach Tabubrüchen giert. Nach Reiz. Nach Skandal. Hauptsache: in der richtigen Verpackung.

    Wir sind eine Gesellschaft, die innerlich so abgestumpft ist, dass sie ohne extreme Reize kaum noch etwas spürt. Eine Gesellschaft, die emotional verkümmert ist – und sich deshalb durch Schock, Gewalt, Obszönität künstlich lebendig fühlen muss. Es ist wie ein kalter Körper, der mit Elektroschocks zum Zucken gebracht werden soll. Aber was dabei entsteht, ist keine Lebendigkeit – sondern eine Perversion davon.

    Haftbefehl liefert. Gottschalk nicht. Deshalb wird der eine zum Star – und der andere zum Sündenbock.

    Vielleicht sollte Gottschalk wirklich ein Rap-Album aufnehmen. Titel: „Ich darf nichts mehr sagen.“ Mit Beats von Haftbefehl. Mit Gewalt-Fantasien und Sex-Sprüchen. Dann klappt’s vielleicht auch wieder mit dem Feuilleton. Und dann stünde er nicht mehr am Pranger – sondern auf der Shortlist für den Grimme-Preis.
    https://reitschuster.de/post/gottsch...wird-gefeiert/
    Alle Texte, die keine Quellenangaben haben, stammen von mir.

  2. #422
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    AW: Woke-Faschisten

    Woke Dekonstruktion: Wie die Identitätspolitik unser Miteinander zerstört
    Migrantisierte Personen, PoC und BIPoC, Schwarze Menschen mit großem S und Genderzeichen von Unterstrich über Doppelpunkt zu Stern: Eine wachsende Mehrheit erkennt in den identitätspolitischen Sprachgeburten nur noch einen gagaigen Galimathias. Doch der Wahnsinn hat Methode. Und zwar so viel, dass die jüngste Gestalt emanzipativer, linker Politik allen Ernstes das Zeug hat, zur Totengräberin der Aufklärung zu werden.Aufgeklärtes Denken basiert auf zwei Axiomen, nicht zu hinterfragenden, unbeweisbaren Grundannahmen: dem historischen Fortschritt und der Gleichheit aller Menschen. Beide Kinder der Aufklärung, Liberalismus und Sozialismus, haben diese Axiome hochgehalten. Mitte des 20. Jahrhunderts, im gemeinsamen Niederringen der faschistischen Ideologie durch die liberalen Demokratien und die sozialistische Sowjetunion, war der epochale Zenit erreicht. Ende des Jahrhunderts verschwand dann der Sozialismus aus der Wirklichkeit; im 21. Jahrhundert gerät jetzt der Liberalismus in die Krise.Die Gründe liegen auf der Hand. Im globalen Süden, exemplarisch in Gestalt Chinas, kehren Zivilisationen erfolgreich auf die Weltbühne zurück, aus deren Perspektive die Aufklärung ein regionales, europäisches Phänomen war. Der Universalismusanspruch ihrer Werte stößt in China, aber auch im übrigen Asien und in Afrika auf Unverständnis. Gleichzeitig verlieren die Europäer das Monopol über die eine große Ressource, die den sozialen und ökonomischen Fortschritt seit dem 18. Jahrhundert befeuerte – das Wachstum der Produktivkraft.Was hat das mit Identitätspolitik zu tun? Schon im 20. Jahrhundert war absehbar, dass linke Politik, die den Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital thematisiert, an ihre Grenzen stößt. Mit dem schrumpfenden Wachstum der Produktivität wurden die Verteilungskämpfe unerquicklicher. Zugleich veränderten sich die Arbeiterklasse und ihre Führung. Vor dem Hintergrund des untergehenden Kommunismus, auch angesichts eines zunehmend saturierten Sozialstaats, entproletarisierten sich Linke und Sozialdemokraten; liberal-urbane Funktionäre übernahmen. Die Grüne Partei wuchs heran. In der Folge wurde die emanzipative Stoßrichtung neu definiert. Statt des Kollektivs der Werktätigen stand jetzt das Individuum im Mittelpunkt. Dessen Befreiung wird heute mit demselben Furor betrieben wie jene des Proletariats vor hundert Jahren.Individuelle Selbstbestimmung, Autonomie, Freiheit von Fremdbestimmung und Unterdrückung, das sind die neuen Emanzipationsziele. Parallel vollendet sich die philosophische Selbstzerstörung des abendländischen Denkens; die hatte im 19. Jahrhundert begonnen und gipfelte im Dekonstruktivismus französischer Prägung, der seit den 1970er-Jahren den sogenannten Fortschritt dominiert. Zwei herausragende Philosophen unterschiedlichster Generationen, Ludwig Wittgenstein (geb. 1889) und Jacques Derrida (geb. 1930), zerlegten das abendländische Welt- und Selbstverständnis mit ihren radikalen Attacken: all das, von dem wir glauben, dass es ist, und die Art, wie wir davon sprechen.Die „Progressiven“ des 21. Jahrhunderts lesen daraus, dass alles gesellschaftliche Miteinander ein Konstrukt von Unterdrückungsverhältnissen sei, die mittels der Sprache konstituiert und aufrechterhalten werden. Die Reduktion wird zwar weder Wittgenstein noch Derrida gerecht, doch Verarmung ist das Schicksal aller Philosophie, wenn sie zwischen die Mühlsteine zeitgeistiger Auseinandersetzung gerät.In jedem Fall bildet der Fokus auf Sprache und Macht den Kern der Identitätspolitik und des Wokeismus. Beide Begriffe beschreiben eine Ideologie, in der das Bewusstsein von Diskriminierung, Ausgrenzung und Unterdrückung allgegenwärtig ist. Opfer und Täter sind dabei leicht zu unterscheiden. Die Opfer: LGBTQIA+-Minderheiten und einst kolonisierte Völker, nichtweiße Hautfarben und nichtchristliche Glaubensrichtungen, nicht zu vergessen weiße Frauen. Die Täter: Männer, weiß, europäisch, heterosexuell.Intellektuell ist das alles überschaubar, überfordert auch keinen Studienabbrecher nach drei Semestern Geisteswissenschaft. Charakteristisch ist die eigentlich schon sektiererische Enge der Argumentation: Niemand außer dem weißen, männlichen Europäer kann (darf) Täter sein. Als Beispiel der Rassismus: Die sogenannte Kritische Rassentheorie leugnet jeden Rassismus nichtweißen Ursprungs. Da nun Rassismus ein weltweites Phänomen darstellt, wird der Widerspruch definitorisch aufgelöst. Im Framework der Kritischen Rassentheorie ist Rassismus nämlich weit mehr als nur Boshaftigkeit, Vorurteil oder Ablehnung des Fremden. Rassismus wird definiert als ein historisch gewachsenes, strukturell verankertes Unterdrückungssystem in westlichen Gesellschaften, das den weißen Bevölkerungsgruppen ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie sichert.Nun ist das ganz offensichtlich ein irregeleiteter Zirkelschluss: Warum sollte es in den europäischen Gesellschaften historisch gewachsene Unterdrückungssysteme geben, wenn es bis vor wenigen Jahrzehnten dort überhaupt keine Nichtweißen gab, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe hätten einfordern können? Der angebliche „strukturelle Rassismus“ ist nichts als ein Popanz, ein Schreckgespenst zur Mobilisierung schlechter Gewissen. Eine Kopfgeburt. Was es in der europäischen Wirklichkeit sehr wohl gibt, ist die verbreitete Angst vor dem Fremden, sind Xenophobie und Ressentiments. Wie überall.Wie dem auch sei, in den Opferdisziplinen, der Critical Race Theory und den Postcolonial Studies, klammert man fanatisch an der exklusiven Schuld der Europäer. Der Rassismus in Asien oder die Tatsache, dass durch den orientalisch-islamischen Sklavenhandel wahrscheinlich mehr Schwarzafrikaner entwurzelt wurden als durch den transatlantischen, tut der Selbstgewissheit keinen Abbruch. Allein die Woken sind die Nachkommen der Bösen, der wahren Bösen. In ihren identitätspolitischen Axiomen feiert der Eurozentrismus eine späte Blüte.Dabei wirkt das Überlegenheitsbewusstsein hinter den woken Schuldanmaßungen zum Fremdschämen provinziell, hinterwäldlerisch, übrigens sehr im Unterschied zur eigentlichen Kolonialzeit. Vor 200 Jahren konnte man die europäische Überlegenheit mit Händen greifen, technologisch, militärisch, administrativ. Wer aber im 21. Jahrhundert noch glaubt, der „weiße Mann“ verfüge über irgendwelche besonderen oder einzigartigen Macht- und Unterdrückungsstrukturen, ist nicht von dieser Welt. Im Guten wie im Bösen, seit der vollendeten Globalisierung haben die Europäer dem Rest des Planeten nichts mehr voraus. Wer am Gegenteil festhält, und das betrifft nicht nur die Jünger der Identitätspolitik, muss in der Gegenwart noch ankommen.Für gläubige Woke ist das schiere Ketzerei. Der Ekel vor ihrem weißen, europäischen Selbst ist Teil des Büßergangs, mit dem sie die mystische Vereinigung mit den Opfern feiern. Liegt darin die vorauseilende Unterwerfung, die Michel Houellebecq in „Soumission“ für die französische Zukunft beschrieben hat? Rutscht die woke Generation, bis ins Mark entkräftet vom Gewahrwerden der schwindenden europäischen Macht, dem globalen Süden auf Knien entgegen? Ist das Bußritual im Zeichen singulärer, europäischer Schuld die letzte große Selbstverherrlichung der untergehenden Epoche?Die zweite Säule des identitätspolitischen Universums – neben dem Schuldmonopol – ist die Selbstbestimmung des Individuums, die alte emanzipative Befreiungsreligion. Nun sind wir in Sachen Emanzipation weit fortgeschritten. Die normativen Grenzen der Tradition, die Tabus von anno dazumal, sind weggesprengt. Ehe, Familie, das große Feld der Sexualität – allerorten herrschen Freiheit und Belieben. Nun wird, im 21. Jahrhundert, auch die letzte Bastion gestürmt: die biologische Vorbestimmtheit.Die Königsdisziplin ist das Geschlecht. Nicht irgendein Schöpfer, auch nicht Schicksal oder Natur bestimmen mein Geschlecht. Dieses Recht besitzt allein mein Ich. Mein Ich bestimmt auch, wie man mich benennt, es bestimmt meine Pronomen, wie man mich anredet. Mein Ich hat die Macht.Der tiefgreifendste Akt der Fremdbestimmung, die Namensgebung durch die Eltern, soll auch der letzte solche Akt bleiben. In den Träumen der Fortschrittlichen wird schon Kindern die geschlechtliche Selbstbestimmung nahegelegt. In Deutschland ist sie immerhin ab 14 möglich, bis zur Volljährigkeit mit Zustimmung der Eltern oder des Familiengerichts. Geschlechtswechsel einmal jährlich, Besinnungszeit drei Monate. Danach besitzt ein vollbärtiger Penisträger mit einem X- und einem Y-Chromosom den Anspruch auf die Anrede „Frau“ und die Pronomen sie/ihr. Absichtsvolles Zuwiderhandeln Dritter löst strafrechtliche Folgen aus.Nun hat der sogenannte bürgerliche Anstand schon in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass man Transsexuelle nicht beleidigte. Entsprechende Kinderstube vorausgesetzt. Ob die neue Regelung diejenigen, die über keinen Anstand verfügen, in die Schranken weist? Das Gesetz ist jedenfalls symptomatisch für die Verlagerung des identitätspolitischen Befreiungskampfs von der Wirklichkeit in die Sprache. Der vollbärtige Penisträger mit einem X- und einem Y-Chromosom wird ja durch die Unterschrift des Standesbeamten nicht zur realen Frau – über sie wird nur, sofern sich alle daran halten, künftig als Frau geredet.Dass dies die Situation vieler Transsexueller zum Positiven wendet, ist unbestritten. Gleichzeitig beweist das Hin und Her um biologische und soziale Geschlechter, wie sehr die identitätspolitische Dekonstruktion den Alltag verstört. Was ist überhaupt mit anderen Minderheiten? Laut einer Studie weisen bis zu einem Prozent der Patienten mit wahnhaften Störungen Identifikationen mit berühmten Persönlichkeiten auf. Schulden wir einem Napoleon nicht vielleicht doch die Anrede „Ihre Majestät“?Aus Karl Marx’ Ruf nach Weltveränderung wurde die Praxis spätmodernen Sprachmanagements. Befreiung hat nichts mehr mit Realität zu tun, nur noch mit Sprache. Das begann in den 1990ern in Gestalt der „politischen Korrektheit“ – wobei die noch Anklänge an den damals schon verstaubt klingenden bürgerlichen Anstand besaß, jene Mischung aus Respekt und Taktgefühl.Inzwischen produziert die Identitätspolitik Selbstbezeichnungen marginalisierter Gruppen am Fließband. Allesamt sind es Minderheiten, von Diskriminierungserfahrung gezeichnet, traumatisiert und vulnerabel. Eine Auswahl, definitiv ohne Anspruch auf Vollständigkeit: PoC, BIPoC, Schwarze Menschen, migrantisierte Menschen, Rom:nja und Sinti:zze, LSBTQ*/LGBTQ+, Ace/Aro, nichtbinär, genderqueer, agender, genderfluid, Inter, neurodivers/neurodivergent, Fat People.Zuguterletzt noch einige der strukturellen Unterdrückungsformen, unter denen unser gesellschaftliches Miteinander leidet, angeblich: Rassismus, Sexismus, Heterosexismus, Cissexismus oder Transphobie, Ableismus, Glaubenshass, Ageismus, Klassismus, Lookismus, Adultismus, Sizeismus, Nationalismus, Sanismus, Speziesismus.Ist Galimathias das falsche Wort?Bemerkenswert ist, inwieweit sich Wokeness und Identitätspolitik trotz allem Lärm nur sprachlich niederschlagen; in der realen Welt hat sich kaum etwas verändert. Die woke Fixation auf Hautfarben führt sogar dazu, das Rasse als Thema so präsent ist wie Jahrzehnte nicht mehr. Erst vor wenigen Tagen sagte die 1980 geborene britische Innenministerin Shabana Mahmood der BBC: „Es war immer ein gewisses Maß an Rassismus in meinem Leben, aber es war nie so viel, wie es mir heute scheint.“Die eigentliche Gefahr der woken Dekonstruktion steckt eben darin: Dekonstruktion, Zerstörung. Wer aus falsch verstandenem Respekt fordert, schwarze Menschen mit großem S zu schreiben, Schwarze Menschen, verwandelt ein Attribut in ein Wesensmerkmal. Der Begriff Schwarzer Mensch beschreibt mehr als einen Menschen mit hoher Melanindichte in der Oberhaut. Er konstituiert eine Spezies, Homo sapiens niger. Viel Zeit wird nicht vergehen, bis aus Reaktanz der Homo sapiens albus entsteht und seine Rechte geltend macht. Dann geht mit dem Axiom der Gleichheit aller Menschen auch die Aufklärung endgültig den Bach hinunter.

    https://www.msn.com/de-de/finanzen/t...fdf5587b&ei=12
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  3. #423
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    AW: Woke-Faschisten

    Die ganze Welt ist mittlerweile wahnsinnig. Eine Sarah Lee Heinrich kann fordern, dass alle weißen Menschen Afrika verlassen, aber wenn ich fordern würde, dass alle schwarzen Menschen Europa verlassen, stellt man mich auf den (medialen) Scheiterhaufen. Wieso eigentlich? Wenn hier scharenweise fremde Völker einfallen, sollen wir bitte schön deren Sprache lernen. Aber wenn ich in anderes Land übersiedle, kann ich dann auch erwarten, dass die Leute dort Deutsch lernen?
    Wer ist noch der Ansicht, dass so etwas irgendwo völlig daneben ist?

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