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    Kindheitserlebnisse in Herford

    Liebe Freunde!


    Yoga: Die sitzende Schildkröte!

    Wer sich über mich ärgert, sollte immer bedenken, welche schlimme Kindheit ich hatte. Ich hatte kein Handy und kein Internet, beginnt holzher24, auf "Telekom hilft Community".

    Zur Schule und zurück musste ich jeweils 2 km zu Fuß hingehen. Ich wurde nicht tagtäglich mit dem Auto bis direkt vor mein Klassenzimmer gefahren und dort auch wieder abgeholt. Meine Eltern haben es wohl nicht eingesehen, dass 2 Tonnen Auto für den Transport eines Kindes zur Schule in Bewegung gesetzt werden müssen, wenn man auch laufen kann. Oder es lag daran, dass wir in unserer ganzen Armut nur ein Auto hatten, mit dem mein Vater zur Arbeit gefahren ist. Außerdem gab es vor der Schule eh keine 300 Stellplätze für in SUVs auf ihre Kinder wartenden Helikoptermütter. Dies habe ich wohl nur mit viel Glück überlebt.

    Meine Eltern hatten kein Auto. Mein Vater und meine Mutter gingen zu Fuß, und nach unserem Umzug auf den Stiftberg fuhren sie mit dem Bus zur Arbeit. Ich ging den Kilometer von zu Hause außer am Tag meiner Einschulung wie alle Kinder immer allein zur Schule. Später zur Oberschule die 1,5 Kilometer sowieso. Wäre peinlich gewesen, wenn ich gebracht worden wäre!
    Die drei Schuljahre bis zum Abi, mußte ich, als das anfing, war ich 15 Jahre alt, im Winter von Montag bis Samstag um 6:25 Uhr mit dem Stadtbus zum Herforder Bahnhof, von dort mit dem Bummelzug über Brake nach Bielefeld, dann zu Fuß bis zu meinem Mädchen-Gymnasium, 1,5 Kilometer, ca. 15 Minuten. In den drei anderen Jahreszeiten fuhr ich bei Wind und Wetter die 3,5 Kilometer mit dem Fahrrad zum Bahnhof und hängte das schwere Vehikel dort, im unbewachten Fahrradständer, am Vorderrad in einer Reihe mit den anderen Fahrrädern auf. Hin ging's Berg runter, zurück, am Nachmittag, Berg rauf. Zu Hause war ich um 15 Uhr. Dann waren die Schularbeiten dran, Schuka!

    Zum Spielen stand uns kein zehnfach TÜV-geprüfter Spielplatz zur Verfügung, wo unter der Schaukel eine Gummidämmmatte war, damit wir uns auch ja nicht zu Tode stürzten, wenn wir zu blöd zum Schaukeln waren. Wir mussten im Feld spielen, zwischen Kühen, Stacheldrähten und Hecken, kletterten auf ungesicherte Bäume und wir liefen durch den Bach. Und wenn wir dabei auf die Schnauze flogen, dann heilte das meist von selbst, ohne dass man uns in Sagrotan oder sonstwas badete und sofort wegen jedem Fliegenschiss zum Arzt schleppte oder die Lehrerin vor Gericht verklagte.

    Wir spielten auf der Straße und in den Trümmern des WKII, wo ein Spielkamerad beinahe in einem Schwelbrand umkam, der durch entflammte feuchte Holzwolle entstanden war, die von Klingenthal-Verkäufern im Keller der Ruine entsorgt wurde. Wir spielten "Räuber und Schander", Verstecken.
    Wir spielten Zirkus, wo Ernemann als Seiltänzer auftrat, und ich "Beine hintern Kopf und auf den Händen stehen" vorführte. Das hatte ich von einem indischen Yogi gelernt, der in Omma seiner BILD, auf Seite Eins, sein Kunststück gezeigt hatte: "Omma, so?" Der Zirkus wurde mit grauen Decken vor Blicken geschützt; denn wir nahmen 10 Pfennig Eintritt für unsere Darbietungen.

    Wenn ich, ziemlich oft kam's vor, hinfiel, dann hatte ich einen "Bauplatz" am Knie, den Omma sofort behandelte: "Daß das nur ja nicht deine Mutter sieht, wenn sie heute Abend von der Arbeit kommt!"
    Auf dem Vorplatz der Münsterkirche spielten wir Hinkeln, und wir spielten dort mit Murmeln, Knicker! Da ging es um die kleinen unscheinbaren bunten Kügelchen und um wunderbare Glasmurmeln, die den Besitzer wechselten und an den gingen, der gewonnen hatte. Manchmal tauschte ich Bonbons, Klümpchen, gegen Knicker, weil ich keine Klümpchen mochte, sie aber von jemandem geschenkt gekriegt hatte. Was Pralinen sind, wußte ich nicht.
    Wir gingen im Sommer jeden Nachmittag ins Otto-Weddigen-Bad zum Schwimmen und Spielen. Mit zehn Jahren machte ich einen Köpper vom Zehner, ohne vorher einen vom Fünfer gewagt zu haben: "Wetten, daß ich den mache?" Auf dem Sonnenturm spielten wir Skat, ohne daß mir jemals einer beigebracht hätte, wie das mit dem Reizen funktioniert. Manchmal wurde mir, obgleich ich gewonnen hatte, der Sieg aberkannt: "Überreizt!" Mit 15 Jahren machte ich DLRG-Leistungsschein, obgleich man 17 Jahre alt sein mußte. Ich konnte zehn Tonscheiben aus dem 4,5 Meter tiefen Möttker der Sprunggrube hoch holen und 40 Meter Streckentauchen, was sich auf 15 Meter, Atemnot und blau im Gesicht, reduzierte, als ich mit 16 Jahren zu rauchen anfing.

    Wir waren so arm, wir konnten uns nicht mal eine Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit leisten. Geschweige denn einen Doppelnamen wie Jaime Pascal oder Kevin Micol oder Falco Nathan. Unsere Eltern mussten uns noch mit einem normalen Namen kennen. Das ging aber auch, denn sie sahen uns ja auch häufig genug, weil es keine Ganztagesbetreuung in der Schule gab und wir nicht nur zum Abendessen und Schlafen zuhause bei ihnen waren. Selbst die Ernährung ihrer Kinder mussten die Eltern noch selbst übernehmen. Da gab es haufenweise Mütter, die das historische Ritual des Kochens noch beherrschten und auch durchführten!

    Dieses Ritual beherrschte meine Mutter nicht, dafür aber meine Omma. Und Kuchen konnte die backen! Zwetschgenkuchen, Blechkuchen, Streuselkuchen, Apfelkuchen, Kirschtorte!
    Ich wußte nicht, daß es Unverträglichkeiten gibt. Erst recht nicht, was Laktose und Gluten sind. Mit meinen Lebensplanungen waren die nachmittäglichen Schularbeiten unverträglich, von den zahlreichen Aufgaben im Haushalt nicht zu reden!

    Dass wir das alles einigermaßen überstanden haben, grenzt schon an ein Wunder.
    Heute ist das alles zum Glück ja gar nicht mehr vorstellbar!

    Aber wer so aufwächst, der muss auch zwangsläufig einen Schaden davontragen. Also habt Nachsicht mit mir. ??

    Kein Internetanschluss möglich, APL wohl komplett belegt.
    holzher24, Telekomhilft, 27. Dezember 2018 [Oldie but Goodie!]


    Meine Herrin sagt, es sei wie bei holzher24 auch bei ihr gewesen, zusätzlich noch das Schräge! Und dann sieht sie eben, daß ihr Jugendfreund Ernemann im letzten Jahr verstorben ist. Ihm soll ich die "Kindheitserlebnisse" widmen. Ruhe sanft, lieber Freund!





    Blök!
    Euer Schaf,
    deutscher Heidschnuckenbock





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  2. #2
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    AW: Kindheitserlebnisse in Herford

    zu meinen Zeiten fingen die Jungens an sich mit Elektronik zu beschäftigen und nachdem sie die Fernsehapparate aller Hausbewohner erfolgreich kaputt repariert hatten, studierten sie Elektrotechnik und machten danach Karriere als Ingenieure, die noch wussten, was ein Kathodenfolger ist.

  3. #3
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    AW: Kindheitserlebnisse in Herford

    Das Handy ist mehr Fluch als Segen und statt der vorhergesagten Generation mit Hirntumoren, werden wir eine Generation früh erblindeter erleben, weil der Blaulichtanteil zur Erblindung führt. Ansonsten kann ich vieles in dem Artikel als selbst erlebt unterstreichen. Mit 14 besuchte ich eine 20 Kilometer entfernt liegende Schule, stand vor 6 auf, um pünktlich um 8 in der Schule zu sein und war gegen 16 Uhr wieder zu Hause. Klaglos und mit oft zusammengebissenen Zähnen absolvierte ich meine Zeit dort. Hart war meine Jugend im Vergleich zu der meiner Eltern nicht. Wenn ich heute die verwöhnte Wohlstandsgesellschaft sehe empfinde ich keinen Neid. Wer schon als Kind oben steht, kommt nicht mehr weiter. Es mal besser zu haben, ist ein elementarer Antrieb des Menschen. Wer es schon gut hat, hat kein Ziel mehr.
    Alle Texte, die keine Quellenangaben haben, stammen von mir.

  4. #4
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    AW: Kindheitserlebnisse in Herford

    Zitat Zitat von Realist59 Beitrag anzeigen
    Das Handy ist mehr Fluch als Segen und statt der vorhergesagten Generation mit Hirntumoren, werden wir eine Generation früh erblindeter erleben, weil der Blaulichtanteil zur Erblindung führt. Ansonsten kann ich vieles in dem Artikel als selbst erlebt unterstreichen. Mit 14 besuchte ich eine 20 Kilometer entfernt liegende Schule, stand vor 6 auf, um pünktlich um 8 in der Schule zu sein und war gegen 16 Uhr wieder zu Hause. Klaglos und mit oft zusammengebissenen Zähnen absolvierte ich meine Zeit dort. Hart war meine Jugend im Vergleich zu der meiner Eltern nicht. Wenn ich heute die verwöhnte Wohlstandsgesellschaft sehe empfinde ich keinen Neid. Wer schon als Kind oben steht, kommt nicht mehr weiter. Es mal besser zu haben, ist ein elementarer Antrieb des Menschen. Wer es schon gut hat, hat kein Ziel mehr.
    Das Handy hat die Menschheit zu Abhängigen gemacht. Es ist eine Droge, die dauerhaft zu physischen und psychischen Schäden führen wird, deren Umfang nicht absehbar ist.
    Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland

  5. #5
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    AW: Kindheitserlebnisse in Herford

    Zitat Zitat von Realist59 Beitrag anzeigen
    Das Handy ist mehr Fluch als Segen und statt der vorhergesagten Generation mit Hirntumoren, werden wir eine Generation früh erblindeter erleben, weil der Blaulichtanteil zur Erblindung führt. Ansonsten kann ich vieles in dem Artikel als selbst erlebt unterstreichen.
    eher smart und iphone &Co. Darauf wird sekündlich mehr geklimpert als Liberace sein ganzes Leben Piano klimperte. Ich frage mich stets, was die da überhaupt machen. Es ist schon pervers, dass 10-20 junge und alte Klimperer zusammen stehen und kein Wort miteinander wechselnb.

    Zitat Zitat von Realist59 Beitrag anzeigen
    Wer schon als Kind oben steht, kommt nicht mehr weiter. Es mal besser zu haben, ist ein elementarer Antrieb des Menschen. Wer es schon gut hat, hat kein Ziel mehr.
    gut gesagt. Eine wahre Weisheit. So ist es.
    Wir hatten damals auch keine Fenders und Gibsons und mussten uns mit schäbigen Framus, Kliras und Höfners begnügen. Die Fenders und Gibsons existierten allerdings in unserer Fantasie und die beflügelte uns derart, dass wir schnell lernten, wie Greeni zu spielen, wobei die Höfner sogar wie die yellow drop klang.

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