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    Artikel von Claas Relotius

    Gelogen oder nicht? Kleine Änderungen an den Tatsachen können ebenfalls im Ergebnis einen Sachverhalt völlig verändern. Hier nun ein paar Geschichten des Lügenbolds Relotius..

    23.07.2016
    Enricos großer Tag

    Ein Rechter ruft zur Demo auf – es kommen 170 Polizisten und 50 Gegendemonstranten.
    An einem heißen Samstag im Juni, mittags um eins, sank Enrico P. auf einen Bordstein in der Innenstadt von Bad Segeberg und ahnte, dass er verloren hatte. In seiner Hand hielt er eine schwarz-rot-goldene Flagge, die schlaff in der windlosen Luft hing. Fast still war es, weil die Straßen abgesperrt waren, hier und da konnte er das Rauschen von Funkgeräten hören, mit denen die Polizeibeamten um ihn herum ausgerüstet waren, immerhin 170 an der Zahl.
    Enrico P. ist 40 Jahre alt, ein hagerer Mann mit Schirmmütze, der älter aussieht, als er ist. Er sitzt, vier Wochen nach diesem Spuk, vor einem Café in Heiligenhafen, Schleswig-Holstein, schwarzes Hemd, schwarzes Jackett, und sagt, dass er seinen vollständigen Namen nicht lesen möchte. Er sucht noch immer nach einer Erklärung. Wie konnte das passieren? Wie konnten ihn "200 Kameraden", angeblich doch "stolze Patrioten" wie er selbst, so im Stich lassen? "Rechtssein", sagt er, "bedeutet doch zusammenhalten."
    Für Enrico P., in der DDR geboren, war Gemeinschaft immer wichtig. Er wuchs auf in Röbel, einer Kleinstadt an der Mecklenburger Seenplatte. Als Junge, erzählt er, verbrachte er viel Zeit bei der Freien Deutschen Jugend. In den sozialistischen Ferienlagern sang er mit anderen Kindern Lieder über Freundschaft und Verbrüderung.
    Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Briefträger. Drei Jahre nach dem Fall der Mauer zog er in den Westen, nach Neukirchen, ein Dorf in Schleswig-Holstein. Er trat dort in die SPD ein, er schätzte den Austausch mit Genossen. Irgendwann, auf einer Parteiveranstaltung, lernte er eine junge Türkin kennen und verliebte sich. Die Beziehung hielt sechs Jahre. "Diese Jahre", sagt Enrico P., "waren die besten überhaupt."
    Der Bruch in seinem Leben kam, als seine Freundin sich von ihm trennte. Enrico begann zu trinken, ließ sich auf kriminelle Geschäfte ein. "Waren- und Kreditdelikte", so nennt er das, was ihn vier Jahre ins Gefängnis brachte.
    Als er wieder rauskam, im Sommer 2008, hatte Enrico P. keine Freunde, keine Familie, keine Arbeit mehr. Er fühlte sich alleingelassen.
    Die erste Demo, an der er teilnahm, war ein Protestmarsch in Lübeck, organisiert von der NPD. Enrico P. hatte bis dahin nie mit Rechtsextremen zu tun gehabt. Er kann noch heute kaum sagen, was er damals bei ihnen gesucht hat, vielleicht, sagt P., "war es am Anfang nur ein bisschen Halt".
    Was auch immer es war, Enrico P. machte irgendwann ein Hobby daraus. Bald lief er jede Woche mit bei Märschen der rechten Szene, in Greifswald und in Rostock, in Hamburg und in Schwerin. Er rief nationalistische Parolen und verschaffte dem Frust über sein Leben Luft.
    Im vergangenen Sommer, als sein Geld knapp wurde, beschloss P., eigene Demos zu veranstalten, für die er nicht weit reisen musste. Er ging von Dorf zu Dorf, verteilte Flugblätter, rief auf zu Märschen gegen kriminelle Ausländer und Kinderschänder.
    Im Winter, als die Stimmung den Flüchtlingen gegenüber ungemütlich wurde, erstellte er im Netz eine Facebook-Seite. Er gab ihr den Titel "Schleswig-Holstein wehrt sich" und teilte dort Meldungen über Flüchtlinge, die angeblich Frauen und Kinder sexuell belästigten. Die Seite wurde mehr als 200-mal geliked, und Enrico P. nahm an, mindestens 200 Menschen wären bereit, mit ihm die ganz große Demo abzuziehen.
    Unter dem Motto "Asylmissbrauch stoppen – Nein zur Merkel-Politik" kündigte er einen Protestmarsch an, auf seiner Facebook-Seite und auch beim Ordnungsamt von Bad Segeberg. Das Schreiben, eingegangen bei der Kreisordnungsbehörde, landete bei der Polizeidirektion der Stadt. Diese, zum Schutz von Demonstrationen verpflichtet, beurteilte die Gefährdungslage, erstellte Wochen vorher ein taktisches Konzept und plante, anhand eines vorgegebenen Schlüssels, 170 Beamte aus ganz Schleswig-Holstein ein.
    Enrico P. hatte alles genau durchgespielt. Vom Parkplatz am Städtischen Gymnasium aus wollte er vier Stunden durch den Ort marschieren, durch Wohnsiedlungen und Einkaufsstraßen, zurück zum Gymnasium, bis zur Abschlusskundgebung vor der großen Mehrzweckhalle. Er hatte sogar ein Megafon besorgt.
    Er stand pünktlich vor dem Gymnasium, er hielt die Deutschlandfahne in die Luft, gewissermaßen als Erkennungszeichen für seine Verbündeten, er schaute sich nach ihnen um, wieder und wieder. Aber alles, was er sah, waren Polizisten in schwerer Uniform.
    Enrico P. schwitzte. Er sah, dass entlang seiner Route viele Menschen standen. Aber das waren Gegendemonstranten. Dann sank er auf den Bürgersteig.
    Die Polizei, mit fast 40 Einsatzfahrzeugen angerückt, wartete genau 15 Minuten, dann sagte sie die Demo ab. Die versammlungsrechtlichen Anforderungen, hieß es, schrieben mindestens drei Teilnehmer vor. Enrico P. ließ sich nach Hause fahren, beschützt von zwei Beamten.
    Sein Versuch einer Demonstration, erzählten sie ihm im Auto, würde das Land mehr als 50 000 Euro kosten. Enrico P. spürte ein Kribbeln in seiner Brust. Er kam sich, wenigstens einen Moment lang, wichtig vor.

    Von Claas Relotius



    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-145947677.html
    ...sich wichtig vorzukommen ist ein Gefühl, was Relotius nur zu gut kennt

    - - - Aktualisiert oder hinzugefügt- - - -

    Der Gipfel der Verlogenheit ist der Artikel Königskinder................

    09.07.2016
    Königskinder
    Ahmed und Alin sind zehn und elf Jahre alt, als ihre Eltern in Aleppo sterben. Sie fliehen in die Türkei und arbeiten hier, getrennt voneinander, als Schrottsammler und Näherin. Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel. Von Claas Relotius
    An einem frühen Morgen in diesem Sommer geht Alin, ein Mädchen mit müden Augen, 13 Jahre alt, allein durch die noch dunklen Straßen der Stadt Mersin und singt ein Lied. In klappernden Sandalen läuft sie durch die Fabrikviertel, vorbei an verfallenden Gebäuden, an Hunden, die noch schlafen, und an Laternen ohne Licht. Das Lied, das sie singt, handelt von zwei Kindern, denen kein Leben offenstand und die doch, als sie schlimmstes Leid ertragen hatten, gerettet werden sollten.
    Es waren einmal zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, so heißt es im Lied, die hatten alles verloren, ihre Eltern, ihr Haus, ihre Heimat. Sie kamen aus einer alten Stadt, und als ein Krieg über ihr Land hereinbrach, flohen sie in eines fernes Reich. Um ihren Beschützern dort zu dienen, arbeiteten sie so hart, dass ihre Rücken krumm wurden und ihre Hände blutig, fast wären sie gestorben. Aber eines Tages, Allah ist groß, wurden sie für ihre Schmerzen reich belohnt. Gott gab ihnen ihr Land zurück und schenkte ihnen Gold und Glück. Sie sollten nun, so sagt das Lied, das einst die Kinder in den Schulen von Rakka bis Damaskus lernten, Königin und König von Syrien sein.
    Alin singt mit dünner Stimme. Dann biegt sie ein in eine Gasse, aus deren Hauseingängen rechts und links, hundertfach und immer lauter, das Rattern von Maschinen dringt. Alins Schritte werden kürzer, der Lärm begräbt ihren Gesang. Sie hört auf zu singen, senkt ihren Kopf, tritt durch eine niedrige Tür, schleicht eine Treppe hinunter, 15 Stufen, und betritt einen feuchten, fensterlosen Keller.
    Der Geruch von Schweiß liegt in der Luft. Neonlicht strahlt von der Decke, fällt grell auf zwei Dutzend zarte Gesichter. 19 Mädchen und 5 Jungen sind hier, alle noch Kinder, einige halten sich an Krücken, drei von ihnen fehlt ein Bein. Sie reihen sich nebeneinander auf wie Soldaten. Ein Mann ruft ihre Namen, schreit auf Arabisch "Jalla, jalla!", "Los, los!", dann gehen die Kinder an die Arbeit. Alin setzt sich auf einen Stuhl aus Plastik, an einen der aufgereihten Holztische. Sie schiebt ein Kissen hinter ihren Rücken, setzt ihren linken Fuß auf ein Pedal und greift nach einem Stapel Kleider. Sie nimmt ein T-Shirt, schwarzer Stoff, legt es auf die Maschine und beginnt zu nähen, erst einen Saum, dann zwei, drei, vier. Am Abend, wenn es oben, auf den Straßen dieser türkischen Stadt am Mittelmeer, wieder dunkel wird, sollen es tausend sein.
    Später an diesem Tag, nach ein paar Hundert Nähten, werden in ihren Körper Krämpfe fahren; in ihren Hals, in ihr Gesäß, in ihre Schultern. Aber sie wird nichts sagen, kein Wort. Sie wird tun, was sie tun muss. Sie wird nur heimlich, nach elf oder zwölf Stunden, auf eine kleine Wanduhr blicken und an ihren Bruder Ahmed denken, für den zur gleichen Zeit, 300 Kilometer östlich von Mersin, auf einem Schrottplatz in Gaziantep, die Nachtschicht beginnt.
    Sie können einander nicht sehen und nicht miteinander sprechen. Aber Alin wird sich vorstellen, wie Ahmed, einen halben Kopf kleiner als sie, dort über Berge von Müll und Abfall klettert, ein Junge von zwölf Jahren in ölverschmierten Kleidern, mit dünnen Armen und breiten Händen. Alin wird sich ausmalen, wie diese Hände kiloschwere Lasten schleppen, Autoreifen und Motorenteile; wie ihr Bruder Ahmed sie Stück für Stück zusammenträgt und auf einem Karren hinter sich herzieht, gebückt, hungrig, kilometerweit durch die Stadt, bis seine Knochen schmerzen.
    Und dann, wenn Alin nach 14 Stunden an der Maschine wieder aus dem Keller steigt, liegt kein Gesang mehr auf ihren Lippen, nur noch Gebete. Sie faltet dann ihre Hände, schließt ihre Augen und bittet darum, dass jemand komme, um sie zu retten, so wie die beiden Kinder in ihrem Lied. Sie und ihren Bruder, Sohn und Tochter getöteter Eltern, geflohen aus Aleppo, gefangen im Süden der Türkei.
    Die Geschichte von Ahmed und Alin ist die zweier Kinder, eines Jungen und eines Mädchens, die vor Bomben aus Syrien geflüchtet sind und nun als Schwarzarbeiter in Anatolien überleben; die von einer Königin namens Merkel und der fernen Insel Europa träumen, aber keinen Weg dahin finden, weil es für geflohene Kinder, anderthalb Millionen sind es, keinen Weg aus der Türkei mehr gibt.
    Sie erzählen ihre Geschichten getrennt voneinander, zu verschiedenen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. In einer unterirdischen Kleiderfabrik in Mersin. Auf den Müllhalden und Schrottplätzen von Gaziantep. In einfachen Worten, mal laut und mal leise, manchmal bebend und manchmal stumm, so lebendig und wahrhaftig, wie nur Kinder erzählen können.
    Der Tag, an dem der Krieg kam, war ein Sommertag vor zwei Jahren. Ahmed und Alin, die Kinder eines Wäschereibesitzers in Aleppo, waren zehn und elf Jahre alt. Ein Junge mit Segelohren, der gern Lakritzbonbons aß und lieber Fahrrad fuhr oder Fußball spielte, als zu beten. Ein Mädchen, das Hausaufgaben mochte, das in seiner Schulklasse die besten Noten hatte und von seiner Mutter, einer Bäckerin, das Kochen lernte.
    Sie saßen gerade beim Abendessen, Adeeba, die Mutter, hatte Couscous mit Datteln zubereitet. Mohammed, der Vater, erzählte von seiner Arbeit. Eine syrische Familie, zusammen an einem Tisch, als alle vier, wie aus dem Nichts, eine Explosion von ihren Stühlen riss. Die Bombe, auf das Nachbarhaus gefallen, riss drei Wände ein, legte ihr Wohnzimmer in Trümmer. Die Kinder schrien, der Vater rief um Hilfe. Nur die Mutter, begraben unter Steinen, war verstummt. "Sie lag einfach da", sagt Ahmed, sie atmete nicht mehr. Und als sich Rauch und Staub langsam verzogen, rann Blut von ihrer Stirn. Es sah aus, so Alins Worte, "wie rotes Wasser in einem Fluss".
    Eine Tante wusch den Leichnam. Ahmed und sein Vater beerdigten die Mutter auf dem letzten verbliebenen Friedhof von Aleppo, nicht weit von ihrem zerstörten Haus.
    Sie zogen zu einem Onkel. Mohammed, der Vater, verlor bald nach seiner Frau auch sein Geschäft. Bombe um Bombe fiel auf ihr Viertel, aber er wollte Aleppo nicht verlassen. Alin und Ahmed sagen, er schimpfte auf Assad, auf die Soldaten des Diktators, die die halbe Stadt einkesselten. Die Kinder durften das Haus nicht verlassen, erst wochenlang, dann Monate. Bei Tag sahen sie über den Häusern ihrer Freunde Rauch aufsteigen. Nachts legten sie sich zu ihrem Vater ins Bett, klammerten sich fest an ihn bei jedem Donner, der die Wände zum Zittern brachte.
    Es war vor einem Jahr, an einem heißen Morgen, erzählen beide, als ihr Vater das Haus verließ und nicht mehr wiederkam. Essen hatte er besorgen wollen, Fladenbrot, Mehl und einen Kanister Wasser. Der letzte Laden in ihrem Stadtteil lag nur vier Straßenzüge weit entfernt, aber überall auf den Dächern, so erklärten ihnen die Nachbarn später, hatten Scharfschützen gelauert. Ein Soldat des Regimes, behaupteten die einen, habe dem Vater von hinten in den Kopf geschossen. Andere waren sich sicher, es seien Kämpfer des "Islamischen Staats" gewesen. Alin und Ahmed sagen, dass sie ihren Vater nie mehr zu Gesicht bekamen.
    Sie können bis heute kaum darüber sprechen. Tun sie es doch, werden ihre weichen Züge starr, ihre Augen beginnen zu wandern. Von ihren letzten Tagen und Wochen in Aleppo wissen sie nicht mehr viel. Nur noch, wie sie irgendwann, vielleicht erst Monate später, die Stadt verließen. "Unser Onkel hat gesagt, wir müssen weg", sagt Ahmed. "Er ist geblieben", sagt Alin, "aber wir sollten verschwinden."
    Ein Bruder ihres toten Vaters bezahlte zwei Schlepper, mit dem letzten Geld. Der erste brachte die Kinder aus der Stadt, versteckt im Kofferraum eines Autos. Der zweite zog mit ihnen und anderen Syrern zu Fuß über die Grenze. Alin und Ahmed wissen nicht, wo sie die kilometerlangen Zäune aus Stacheldraht passierten und türkischen Boden betraten. Nur, dass ihr Marsch zwei Nächte und zwei Tage dauerte, wissen sie noch, und dass es fast ununterbrochen regnete.
    Das Erste, was sie von dem fremden Land sahen, erzählt Alin, waren Männer mit Gewehr. Soldaten griffen sie kurz hinter der Grenze auf, der Schlepper hatte sie allein gelassen. Die Männer sprachen eine laute Sprache, die Alin und Ahmed nicht verstanden, und sie führten die Kinder, wie um sie vom Rest des Landes fernzuhalten, in ein Waldstück der Provinz Hatay, des südlichsten Zipfels der Türkei. Hier sollten sich Monate später die Wege der Geschwister trennen. Es war der Ort, an dem Ahmed und Alin, ohne es zu ahnen, vielleicht für immer auseinandergingen.
    Zunächst lebten sie dort, zusammen mit Hunderten Geflohenen, in einem Lager unter Bäumen, in Hütten aus Kartons und Plastikfolie, ohne Betten und ohne Nahrung. Der einzige Strom, sagt Ahmed, kam aus der Batterie eines kaputten Traktors, das Wasser zum Waschen, sagt Alin, aus einem schmutzigen Kanal. Ärzte, Sozialarbeiter, Menschen, die sich um sie kümmerten, sahen Alin und Ahmed nie.
    Um Geld zu verdienen, Essen zu besorgen, schlossen sie sich bald anderen Flüchtlingen an. Sie folgten ihnen auf die umliegenden Felder, pflückten die Baumwolle türkischer Bauern, ernteten Wassermelonen, zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie sahen syrische Mädchen, älter als sie, unter der Sonne zusammenbrechen. Sie selbst pflückten weiter, bis die Saison zu Ende ging.
    Dann kam der Winter. Dann suchten die Erwachsenen neue Arbeit und ein Dach über dem Kopf, zum Schutz vor der Kälte. Dann teilten sich die Männer und Frauen auf, und mit ihnen die Jungen und die Mädchen. Es werde nicht von Dauer sein, hieß es, und die Kinder stellten keine Fragen. Alin, die von ihrer Mutter das Nähen gelernt hatte, stieg auf die hölzerne Ladefläche eines Melonenlasters. Sie fuhr mit den Frauen, entlang der Mittelmeerküste, 300 Kilometer Richtung Nordwesten, zu den Textilfabriken von Mersin. Ahmed zog mit den Männern Richtung Nordosten, zwei Stunden in einem fensterlosen Viehtransporter, bis in die weit zersiedelte Vorstadt der Millionenstadt Gaziantep.
    An einem Abend im Mai dieses Jahres, warme Luft kündigt den Sommer an, zieht Ahmed, keine eineinhalb Meter groß, in kaputten Turnschuhen einen Karren hinter sich her. Er zieht vorbei an Industrieruinen, an Autowerkstätten und verlassenen Fabriken, Straßenkatzen verfolgen ihn. Jetzt, wenn es anfängt zu dämmern, ist seine Zeit. Er hält Ausschau nach allem, was niemandem gehört und was man noch gebrauchen kann, sieht einen weggeworfenen Autozylinder hier, eine alte Blechwanne dort. Er bückt sich alle paar Hundert Meter, wuchtet die Beute auf seinen Wagen, der bis zum Ende der Nacht so schwer ist, dass er ihn kaum noch ziehen kann. Sein Chef, ein türkischer Schrotthändler, verspricht ihm pro Kilogramm fünf Kuruş, anderthalb Cent. In guten Nächten, sagt Ahmed, komme er auf 300 Kilo, viereinhalb Euro. So legt er sich schlafen, in schmutzigen Kleidern, jeden Morgen, wenn der Tag anbricht; zur selben Zeit, wenn seine Schwester Alin in Mersin in den Keller steigt.
    Der Schrottplatz ist Ahmeds fünfter Job, Monate nach der Flucht. Die Blutergüsse auf seinen Schultern, sagt er, kämen vom schweren Tragen; die Narben auf seinem Bauch von den scharfen Kanten der Metallfundstücke; die Male an seinem Hals von glühenden Funken, die sich in seine Haut gebrannt haben.
    Am Anfang, als er hier ankam, schlief er nachts in einem Zelt, mit sechs Männern und zehn Jungen, Schlafsäcke und Decken dicht aneinander. Sie arbeiteten zusammen, schweißten Stahl in einer Werkstatt, brannten Klinker in einer Zementfabrik, schleppten Steine auf den Baustellen, wo heute fünfstöckige Häuser stehen. Die Erwachsenen sammelten jede türkische Lira, sagten, sie wollten Plätze in einem Boot damit bezahlen, eine Überfahrt nach Europa. In Deutschland, so erzählten sie den Kindern, würde es ihnen allen besser gehen. Aber dann, in diesem Frühjahr, entdeckten Polizisten ihr Zelt am Stadtrand, traten es ein und prügelten alle zusammen, schoben die Männer auf Lastwagen wie Vieh. Nur die Jungen durften bleiben. Sie wurden nirgendwo hingebracht. Sie blieben einfach auf der Straße.
    Jetzt, da es Tag wird in Gaziantep, geht Ahmed vom Schrottplatz dahin, wo er heute schläft, allein mit den anderen Kindern. Es ist ein Verschlag aus Wellblech und Brettern, ausgelegt mit Decken, zusammengenagelt auf einem der erdbraunen Hügel, die sich im Süden der Stadt erheben, Richtung Mekka und Aleppo. Der Blick von der Anhöhe geht weit über dunkle Häuser und Halbmondflaggen, eine Autostunde von der Grenze zu Syrien. Fast zwei Millionen Menschen leben nun hier, fast jeder sechste von ihnen ist vor dem Krieg nach Gaziantep geflohen.
    Ahmed hockt sich im Schneidersitz auf die Erde, sagt, sie hätten ihre Hütte ganz allein gebaut, mit Werkzeug, das sie irgendwo gefunden oder gestohlen haben. Sie, das sind neun Jungen aus Homs und aus Aleppo, aus zerbombten Städten und Dörfern, auf sich selbst gestellt in einem Land, von dem keiner von ihnen je wusste, wo es liegt. Sie werfen Mülltüten, ein paar Holzlatten und Zweige auf einen Haufen, machen ein Feuer und setzen süßen Tee in einem Topf auf, wie Erwachsene.
    Jeder hat seine Aufgabe, jeder seine eigene Geschichte. Mahmud, der Älteste, ist 15 und schon lange vor dem Krieg Waise geworden. Mohammed, der Jüngste, ist 11 und hat seine Eltern auf der Flucht verloren. Sie kannten sich nicht, fanden einander auf den Baustellen, ohne Beschützer, die auf sie achtgaben. Also gründeten sie ihre eigene Familie, eine Familie nur aus Kindern. Sie stehen jetzt gemeinsam auf und sammeln gemeinsam Schrott. Sie beten zusammen und teilen sich das Brot.
    Alles, was Ahmed von zu Hause geblieben ist, ist ein Rucksack. Darin befinden sich ein T-Shirt mit der Aufschrift "I love Syria", eine Hose, Socken, ein Beutel Schokoladenlinsen, ein kleiner Spielzeugroboter und ein zerkratztes Handy. Manchmal, wenn er nach der Arbeit nicht einschlafen kann, weil es morgens schon zu heiß ist, nimmt er das Handy und sieht sich darauf alte Fotos an, Bilder seiner Eltern, Bilder aus Aleppo, Bilder von Alin.
    In dieser Nacht fährt Ahmed mit einem Daumen über das Gerät und betrachtet Fotos aus seiner alten Schule. Sie zeigen Jungen mit Gelfrisuren und Mädchen mit bunten Kopftüchern, Arm in Arm. Ahmed weiß nicht, wo seine Freunde heute sind oder wie es ihnen geht. Er schreibt ihnen Nachrichten, aber sie antworten nicht mehr. Manchmal glaubt er, sie seien noch immer in Aleppo. Und manchmal stellt er sich vor, sie seien schon tot, "vielleicht im Paradies".
    Ahmed sagt, er habe keine Angst mehr vor dem Tod. Er habe schon viele Menschen sterben sehen. Er kam gerade in die zweite Klasse, er hatte gerade erst lesen gelernt, erzählt er, da sah er unweit seiner Schule mit an, wie ein Mann von einem anderen enthauptet wurde. Er scrollt weiter über das Display seines Handys, findet schließlich ein verwackeltes Video. Der Film, aufgenommen vor gut zwei Jahren, zeigt einen Mann mit verbundenen Augen, kniend in einer Lache aus dunklem Blut. Neben dem Mann steht ein anderer in schwarzem Gewand, und um sie herum sind Menschen, die zuschauen. Der Mann im Gewand hat ein großes Schwert in seiner Hand, hält es dem Knienden von oben an den Hals. Er ruft "Allahu akbar", Gott ist groß. Dann schlägt er ihm den Kopf ab.
    Ahmed sagt, er habe das Video selbst aufgenommen, auf einem Marktplatz in Aleppo. Sein Vater hatte ihn deswegen angeschrien, ihm befohlen, das Video zu löschen, nie wieder anzusehen, aber Ahmed hielt sich nicht daran. Jetzt zeigt er es herum, und die Jungen schauen es an mit großen Augen. Mahmud, der Älteste, zieht seine Stirn in Falten, sieht in den Nachthimmel wie ein Wolf. "Es gibt Kriege", sagt er, "weil es böse Menschen gibt." Mohammed, der Jüngste, fragt, woran man diese erkennen könne, wie man sie unterscheide von den guten.
    Ahmed sitzt nach der Arbeit oft vor seinem Handy. Er schreibt dann seinem Onkel, der vor ein paar Monaten aus Aleppo geflüchtet ist, aber nicht mehr über die Grenze kommt. Der Onkel schimpft fast immer. Er schreibt, Ahmed solle seine Schwester suchen. Aber Ahmed sagt, er wolle nicht weg, "nie wieder verreisen".
    Alin und er wuchsen einmal so auf wie die meisten Geschwister, eng beieinander. Bis Ahmed neun wurde, schliefen sie zu zweit in einem Zimmer, mit Stofftieren im Bett und selbst gemalten Bildern an den Wänden. Sie ärgerten einander, zogen sich gegenseitig an den Haaren. Manchmal, wenn sie sich bis spät in der Nacht Geschichten oder Witze erzählten, schoben sie ihre Betten dicht zusammen, damit ihre Eltern sie nicht hören konnten. Aber jetzt, da der Krieg sie fortgetrieben hat, liegen zwischen ihnen Hunderte Kilometer fremdes Land. Es muss ihnen vorkommen wie eine ganze Welt.
    Ihre einzige Verbindung sind Handynachrichten, fast jeden Abend. In diesen Nachrichten schreibt Alin, wie viele Kleider sie am Tag gesäumt hat. Und hin und wieder schickt sie Fotos von dem Zimmer, in dem sie jetzt schlafen darf, einem engen Raum mit aufgeplatzten Matratzen, auf denen ein Dutzend weitere Kinder schlafen. Sie schreibt, dass sie nach der Arbeit häufig Hunger habe, aber kein Geld, weil ihr ganzer Lohn nur der Platz in diesem Zimmer ist. Wenn Ahmed seine Schwester fragt, was ihr am meisten fehle, so antwortet sie: die Schule. Wenn Alin ihren Bruder fragt, was er am meisten vermisse, findet er keine Antwort.
    Vor ein paar Wochen, als Angela Merkel nach Gaziantep reiste, als sich die deutsche Kanzlerin dort, vor Kameras, durch ein schön zurechtgemachtes Flüchtlingslager führen ließ, schrieb Alin an ihren Bruder: "Die Mädchen hier sagen, die Königin von Europa ist bei dir. Sie kommt, um dich zu holen!" Ahmed verstand nicht. Er hatte keine Ahnung, wer Angela Merkel ist, hatte den Namen nie gehört. Er weiß bis heute nicht, wo Deutschland liegt, nur dass es irgendwie zu Europa gehört und dass Europa sicher ist und Kinder dort nicht arbeiten. Ahmed sagt, er hasse die Arbeit, er hasst es, wenn seine Arme wehtun. Er würde lieber Fußball spielen, aber dann, das weiß er, würde er verhungern.
    Der einzige Deutsche, den Ahmed zu kennen glaubt, ist Arjen Robben. Der ist Niederländer, aber helle Haut bedeutet für Ahmed, deutsch zu sein. Früher, in Aleppo, sagt er, habe er manchmal Spiele des FC Bayern im Fernsehen gesehen, in einer Teestube in ihrer Straße. Die Mannschaft in den roten Trikots siegte immer, der Mann ohne Haare, sagt Ahmed, schoss immer Tore, und seitdem glaubt Ahmed, dass Deutschland "ein gutes Land" ist. Jeder seiner Freunde glaubt das, jeder der acht Jungen auf dem Hügel. Aber keiner von ihnen weiß, wie man nach Deutschland kommt. Und vor Wochen, als Merkel, in den Augen der Kinder eine Königin, die ihnen helfen wollte, doch gerade erst angekommen war, in diesem Lager in ihrer Nähe, da war sie auch schon wieder weg.
    Ahmed und Alin ahnen nichts von Flüchtlingsquoten. Sie wissen nichts von der Türkei, von einem Präsidenten namens Erdoğan oder von Abkommen mit der EU. Alles, was sie wissen, ist, dass sie nicht nach Syrien zurückgehen dürfen, weil es dort zu gefährlich ist; und dass sie nicht weiterziehen dürfen, in ein anderes Land, weil die anderen Länder sie nicht wollen.
    In Alins Vorstellung ist Europa eine kleine Insel, umgeben vom Meer, "irgendwo im Norden". Und in ihren Träumen, so erklärt sie, ist Angela Merkel keine Dame im Hosenanzug, sondern eine junge Frau mit weißem Gewand, seifenglatter Haut und langen, goldenen Haaren. Sie hat noch nie ein echtes Foto von ihr gesehen, aber einige der Mädchen, mit denen sie Kleider näht, haben gesagt, alle Deutschen seien "reich und schön". Alin fragt sich nicht, wie die Deutschen reich und schön sein können, während sie, ein Kind, in einem fensterlosen Keller hockt. Sie glaubt, dass es in Deutschland einfach schon genügend Kinder gibt.
    Alin sitzt in der Fabrik in Mersin an der Maschine und näht kleine Krokodile auf weiße Polohemden. Lacoste, Adidas, Puma, Nike, sie näht diese Logos an, im Minutentakt, auf Turnhosen und auf T-Shirts, auf gefälschte Ware, die von Mersin nach Istanbul kommt, von Istanbul nach Bulgarien und von dort nach Deutschland. So erklärt es Nasser, ein Mann mit schlechten Zähnen und im nass geschwitztem Hemd. Er ist 34 Jahre alt, Syrer wie die Kinder, die für ihn arbeiten. Er kam vor vier Jahren, auch aus Aleppo, er hat dort als Schneider gearbeitet. Nach der Flucht verkaufte er sein Auto, beschaffte gut 20 Juki-Maschinen und gründete in einem Viertel, in das schon lange kein Polizist mehr kommt, seine Fabrik.
    Zunächst saßen an seinen Nähtischen noch Einheimische, fast nur Erwachsene. Aber dann, sagt Nasser, kamen mit der Zeit mehr und mehr Syrer, geflohene Kinder, "die halb so teuer waren". Nasser läuft die Treppe hoch, schiebt die Kellertür auf und richtet den Blick die Straße hinunter, vorbei an Dutzenden Fabriken. Es seien alles Keller wie seiner, überall, darin jetzt Tausende Jungen und Mädchen, nur sei er, selbst geflohen, der einzige syrische Besitzer. Nasser zieht an einer Zigarette, sagt, er habe selbst vier Kinder und keine andere Wahl.
    Er hat unten, an den Nähtischen, einen CD-Player aufgestellt, aus dessen Boxen 14 Stunden am Tag arabische Lieder dröhnen. Eine helle Frauenstimme singt von Hoffnung und von Glück. Die Musik treibe die Kinder an, sagt Nasser – "hält sie im Rhythmus". Er geht durch ihre Reihen, die Arme verschränkt auf seinem Rücken, wie ein Lehrer durchs Klassenzimmer. Die Kinder dürfen nicht miteinander reden. Reden, ruft Nasser ihnen zu, hält die Produktion auf, kostet Geld. Sie haben am Tag nur eine Pause, 40 Minuten, in denen sie warme Limonade trinken, Linsensuppe essen und sich, hinter einem alten Vorhang gleich nebenan, über einem Loch im Beton entleeren.
    Jetzt, während der Fastenzeit, sagt Alin in einer dieser Pausen, darf sie tagsüber überhaupt nichts essen und keinen Schluck trinken. Sie hat sich zwischen roten und schwarzen Stoffbergen auf den Boden gehockt. Sie ist schon gegen Mittag so erschöpft, dass sie sich kaum mehr aufrecht halten kann. Sie versucht, an etwas Schönes zu denken, und sagt, dass sie das kleine Krokodil am liebsten nähe. Sie mag Krokodile, weil Krokodile starke Tiere seien. Wenn sie könnte, sagt Alin, würde sie selbst einfach davonschwimmen, nach Europa, so wie andere Frauen und Mädchen es getan hätten, nachdem sie hier, in Mersin, kein Heim und keine Arbeit gefunden haben. Sie besorgten sich ein Busticket, fuhren die Küste entlang nach Bodrum. Dort stiegen sie in ein Schlauchboot, und dann, sagt Alin, hat sie nie wieder von ihnen gehört.
    Sie weiß, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Aber sie weiß auch, dass vielen die Überfahrt gelingt. Auf die Kinder, die das geschafft haben, sei sie neidisch, sagt Alin, weil sie nicht arbeiten müssten, sondern zur Schule gehen könnten. Alin erzählt, dass sie schon immer davon träumte, Ärztin zu werden, und dass sie nun fürchtet, ihr Leben lang im Keller zu bleiben. Sie ist jetzt seit zwei Jahren in keiner Schule mehr gewesen. Ihr Bruder Ahmed, sagt sie, "hat keine Ahnung, wie viel zwölf mal zwölf sind".
    Kinder wie die beiden – die Straßen von Gaziantep und Mersin sind inzwischen voll von ihnen. Und an den Häuserwänden beider Städte, Alin und Ahmed gehen jeden Tag daran vorbei, hängen neben Werbung für Coca-Cola oder Erdoğan große, arabische Plakate. Der "Islamische Staat" lässt sie kleben, lockt mit Taschengeld und Essen, mit einer "großen Familie", die sich um Jugendliche kümmere.
    Alin weiß nicht genau, was der "Islamische Staat" ist. Sie kennt nur Bilder von vermummten Kämpfern, die Menschen den Kopf abschneiden oder bei lebendigem Leib verbrennen. Manchmal, wenn sie abends von der Fabrik zu ihrem Schlafplatz geht, sieht sie andere Kinder, die sich verkleiden, um Hinrichtungen nachzuspielen.
    Es ist nicht lange her, sagt Alin, da habe sie mitbekommen, wie Nasser und andere Männer sich erzählten, in Gaziantep, wo Ahmed lebt, sei eine Bombe explodiert. Ein Auto, beladen mit Sprengstoff, war vor eine Polizeistation gefahren. 2 Menschen starben, 22 wurden verletzt, und der Fahrer des Autos, so hieß es, war ein junger Syrer, minderjährig, noch ein Kind.
    Als Alin davon hörte, war es, als hätte sie der Schrecken von Aleppo wieder eingeholt. Ahmed schrieb, ihm sei nichts geschehen, aber das genügte Alin nicht. Sie, die ältere Schwester, beschloss, ihren Bruder zu holen, ihn persönlich zu beschützen. Am Morgen darauf nahm sie 50 Lira, alles Geld, das sie besaß, und setzte sich in einen Bus nach Gaziantep.
    Die Fahrt dauerte fünf Stunden. Alin sah aus dem Fenster, sah die Baumwollfelder von Adana, auf denen sie selbst einmal gearbeitet hatte, und die Steinbrüche bei Gaziantep, auch dort arbeiten jetzt Kinder. Als der Bus ankam, rief Alin ihren Bruder an, aber Ahmed ging nicht ans Telefon. Sie saß am Busbahnhof und wählte seine Nummer, ungefähr 20-mal, aber er meldete sich nicht. Alin probierte stundenlang, bis es dunkel wurde. Dann stieg sie in den letzten Bus zurück nach Mersin.
    Auf dieser Fahrt, sagt Alin, habe sie sehr lange gebetet, für ihren Bruder und dafür, dass sie sich wiedersehen, irgendwann. Sie musste auch an das Lied über die zwei Kinder denken, das sie früher einmal, in einem anderen Leben, in ihrer Schulklasse gelernt hatte. Die Kinder in diesem Lied wurden gerettet. Sie durften, als der Krieg vorüber war, zurück in ihre Heimat gehen. Alin kam ins Grübeln. Sie kam zum Schluss, dass Allah vielleicht zwei Kinder retten könnte, aber doch wohl nicht Hunderte, bestimmt nicht Hunderttausende. Und dann, sagt Alin, stellte sie sich vor, was mit Ahmed und ihr geschähe, wenn das Glück sie nicht fände; wenn ihr Schicksal nicht das der beiden Kinder in dem Lied wäre, sondern eines, das kein gutes Ende nähme.
    Dann traf eine Nachricht von Ahmed ein. Er schrieb: "Hallo Schwester, wir haben Tage und Nächte Schrott gesammelt. Bald reicht mein Geld, bald habe ich genug für dich und mich zusammen."
    Am Morgen nach ihrer Rückkehr aus Gaziantep ging Alin, wie in jeder Nacht vor Sonnenaufgang, wieder zur Arbeit, 15 Stufen hinab in den feuchten, nach Schweiß riechenden Keller. Nasser, der Chef, empfing sie mit harten Flüchen, weil sie einen ganzen Tag lang gefehlt hatte, weil tausend Säume ungenäht geblieben waren. Sie ging schweigend zu ihrem Platz, schob das Kissen hinter ihren Rücken, stellte ihren linken Fuß auf das Pedal, die rechte Hand legte sie an die Maschine. Aber dann rannen Tränen über ihre Wangen. Sie schämte sich, schlug beide Hände vor ihr Gesicht, doch sie konnte nicht aufhören zu weinen. Es war nicht wegen ihrer toten Eltern. Nicht wegen der Schmerzen in ihrem Körper. Es war, so erzählt sie, weil Nasser, ein Erwachsener, sie gescholten hatte. Sie fühlte sich, nur einen Moment lang, wie ein Kind.
    Über den Autor
    Claas Relotius, Jahrgang 1985, studierte Kultur- und Politikwissenschaft und schreibt seit 2014 Reportagen für den SPIEGEL. Er flog zweimal in die Türkei, um beide Kinder zu begleiten. Seither schreibt er sich mit ihnen Nachrichten und versucht, ein Flüchtlingsheim für sie zu finden.
    Von Claas Relotius
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-145742868.html


    ......liest man den ganzen Mist, fragt man sich unwillkürlich, was an den Geschichten so preiswürdig ist.

    - - - Aktualisiert oder hinzugefügt- - - -

    Ein Afghane im Knast, aus dem Mittelalter kommend erhält per Internet Heiratsanträge......

    28.05.2016
    Eine Meldung und ihre Geschichte
    Hi, Rahim, wie geht's?
    Wie ein Guantanamo-Häftling im Internet die Liebe sucht
    Wenn es Nacht wird über Camp Delta und die Einsamkeit im Hochsicherheitstrakt ihn nicht schlafen lässt, legt sich Muhammad Rahim al-Afghani auf den Boden seiner Zelle und blättert in den Botschaften von Singlefrauen aus aller Welt. Mehr als 2000 haben ihm geschrieben, Hausfrauen und Berufstätige, Studentinnen und Mütter. Afghani hat ihre Nachrichten gesammelt und auf drei Stapeln sortiert: auf dem ersten die der Ungläubigen, auf dem zweiten die der Unattraktiven, auf dem dritten nur jene, deren Absenderinnen er vielleicht eines Tages, wenn er jemals wieder freikommen sollte, heiraten würde, nach islamischem Recht.
    Muhammad Rahim al-Afghani ist 45 Jahre alt, ein Mann mit langem Bart und dicht gewachsenen Augenbrauen. Er sitzt seit acht Jahren als Häftling in Guantanamo, weggesperrt hinter hohen Mauern. Das Verteidigungsministerium der USA stuft ihn als gefährlichen Terroristen ein, als Kämpfer der Qaida, aber im Internet, auf seinem Profilbild bei der Onlinepartnerbörse Match.com, sieht Afghani aus wie ein freundlich lächelnder Junggeselle.
    Afghani darf in Camp Delta nicht mit Journalisten sprechen. Er darf nur einmal am Tag, für einen kurzen Hofgang an Ketten, seine Zelle verlassen. Aber sein Anwalt Carlos Warner, ein Strafverteidiger aus Ohio, erzählt Afghanis Geschichte am Telefon.
    Es war im Jahr 2008, George W. Bush war noch Präsident der Vereinigten Staaten, sagt Warner, als der US-amerikanische Geheimdienst Afghani nach Guantanamo brachte, als wahrscheinlich letzten bekannt gewordenen Terrorverdächtigen überhaupt. Afghani, Angaben der CIA zufolge unverheiratet, stammt aus Afghanistan, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Kabul. In den Akten des Pentagons steht, er sei von dort in den "Heiligen Krieg" gezogen, an der Seite Osama Bin Ladens, aber angeklagt wurde er bis heute nicht.
    Carlos Warner, sein Anwalt, sagt, Afghani sei ein Gefangener wie die meisten in Guantanamo, willkürlich verschleppt und zu Unrecht inhaftiert. Warner betreut noch elf weitere Insassen auf Kuba. Wie Afghani haben auch die anderen Häftlinge Jahre der Isolation und Folter hinter sich, und keiner von ihnen, sagt Warner, "glaubt heute noch an Liebe". Es war vor vier Jahren, Barack Obama war mittlerweile Präsident, die Folter in Guantanamo war offiziell abgeschafft, und die Haftbedingungen waren gelockert worden, da beschloss Afghani, trotz seiner Gefangenschaft nicht länger allein zu bleiben.
    Die Insassen von Camp Delta haben keinen freien Zugang zum Internet, also bat Afghani seinen Anwalt, ihn bei Match.com, einer der größten Datingseiten überhaupt, anzumelden. Die Match-Kontaktbörsen haben Millionen Abonnenten, verteilt über fünf Kontinente.
    "Rahims Bitte klang verrückt", sagt Carlos Warner, aber sie habe gegen keine Geschäftsbedingungen und gegen kein Gesetz verstoßen. Er eröffnete in dessen Namen bald ein Konto, machte beim nächsten Haftbesuch ein Handyporträt von seinem Mandanten und lud es auf die Seite. Als Wohnort gab er "Guantánamo Bay, Cuba" an, gleich darunter schrieb er: "Currently detained but ready to mingle", derzeit inhaftiert, aber bereit, sich auszutauschen.
    Warner machte Afghani wenig Hoffnung, dass sich auch nur eine einzige Frau melden würde. Aber kaum war das Profil eine Nacht lang online, landeten drei Nachrichten in seinem Postfach. Eine Supermarktangestellte aus Miami, Florida, schrieb: "Hi, du hast schöne Augen!" Eine Kunststudentin aus Augusta, Georgia, fragte: "Hi, Rahim, wie geht's?" Eine alleinstehende Mutter aus San Diego, Kalifornien, schickte ihm einen Smiley und ein Herz.
    "Das war nur der Anfang", sagt Warner. Er sammelte bald jeden Tag Botschaften für Afghani. Viele bezeichneten ihn als "hübsch" und "attraktiv", die meisten interessierten sich ernsthaft für sein Schicksal. Warner druckte alle Nachrichten aus und schickte sie an jedem Monatsende in einem Umschlag seiner Kanzlei nach Kuba. Afghani, unruhig wartend, las die Briefe und sendete seine Antworten zurück an seinen Anwalt, handgeschrieben, zur Eingabe bei Match.com.
    Er bevorzuge Frauen mit Humor. Gern tausche er sich über amerikanische Politik und Popkultur aus und mache Witze über Figuren wie Kim Kardashian oder Donald Trump. Er suche Damen, sagt sein Anwalt, die ihn ablenken und unterhalten. Frauen, die nur Guantanamo interessiere, so der Anwalt, hätten dagegen keine Chance.
    So geht es seit vier Jahren, bis heute. Muhammad Rahim al-Afghani, sagt Warner, erlaube sich mittlerweile, nur noch auf ausgewählte Kontaktanfragen einzugehen. "Er weiß, er ist ein begehrter Mann." Die Richtige habe Afghani dabei noch immer nicht gefunden. Er schreibe gerade mit 13 Frauen gleichzeitig und könne sich kaum entscheiden. Vielleicht, sagt sein Anwalt, werde er das nie müssen. In Guantanamo, an Ketten, bliebe er für immer ungebunden.
    Von Claas Relotius
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-144989308.html
    Alle Texte, die keine Quellenangaben haben, stammen von mir.

  2. #2
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    AW: Artikel von Claas Relotius

    Auffallend sind die vielen Hochqualifizierten mit denen der Spiegel da angeblich gesprochen haben will. In den meisten Antworten findet man die Gedanken der Befrager. Projektionen nennt man so etwas. Lediglich die für uns unverschämten Antworten dürften echt sein.



    17.10.2015
    Heimat
    Von Mülltonnen, Arschlöchern ("Dankeschön") und Mädchen, die in Unterwäsche auf die Straße gehen
    Wie fühlt sich Deutschland an? Wie sieht es aus, wie redet es, wie riecht es? Erste Eindrücke von Menschen, die es wissen müssen: Flüchtlinge.
    Nada, 31, war Lehrerin in Syrien und lebt seit einem Monat in der Erstaufnahmeeinrichtung im fränkischen Hardheim.
    "Deutschland ist eine Mogelpackung. In Syrien hatte ich ein Haus, hier habe ich nichts. Ich dachte, sie geben einem hier Geld, eine Wohnung und Bildung. Ich habe mit anderen gesprochen, die schon in Deutschland waren, und die haben mir gesagt, dass es in Deutschland sehr gut ist. Und jetzt sind wir hier und haben kein gutes Leben. Wir essen nur und schlafen. Dafür sind wir nicht hergekommen. Es tut mir leid, dies sagen zu müssen, aber es ist wie bei Tieren. Merkel hat gesagt: Kommt her, wir haben eine Unterkunft, Geld und Schulen für euch und eure Kinder. Jetzt, wo wir hier sind, merken wir, dass andere Leute Merkel nicht mögen und etwas anderes sagen. Wir wollen uns vergnügen und etwas unternehmen und nicht nur rumsitzen. Ich habe auf der Straße, nicht bei jemandem im Garten, einen Apfel vom Baum gepflückt, und dann kam die Polizei und hat mich verwarnt. Ich musste eine hohe Geldstrafe bezahlen, für einen Apfel. Gebt mir eine Wohnung und Geld, und ich werde von niemandem etwas nehmen."


    Raman, 17, Kurde aus Hasaka in Syrien, lebt seit elf Monaten in Deutschland.
    SPIEGEL: Was wussten Sie von Deutschland, bevor Sie herkamen?
    Raman: Ich dachte, hier ist jeden Tag Disco. Ich dachte, die Leute sind immer betrunken. Aber als ich dann hier war, habe ich schnell festgestellt: Wir sind gar nicht so unterschiedlich. Ich habe bereits die Sprache gelernt und Freunde gefunden. Die deutsche Kultur ist eigentlich wie die kurdische, finde ich. Frauen können arbeiten, Frauen können Auto fahren. Trotzdem gibt es viele Menschen in Passau, die uns nicht mögen.
    SPIEGEL: Woran merken Sie das?
    Raman: Als ich mal mit einem Freund bei McDonald's war, haben uns Jugendliche beschimpft: "Geh weg, blöder Ausländer." Ich glaube, sie waren betrunken, manche haben auch einfach Angst. Aber sonst geht es mir hier gut. Seit drei Wochen darf ich aufs Gymnasium, in die zehnte Klasse. Ich spiele Fußball bei Eintracht Passau. Ich war sogar in München und habe mir das Bayern-Stadion angesehen.
    SPIEGEL: Was tut Deutschland für Sie?
    Raman: Ich habe Glück. Weil ich unter 18 bin, hat mir das Jugendamt ein WG-Zimmer besorgt, und es bezahlt meine Schulbücher. Andere Flüchtlinge, die älter sind, müssen lange in Lagern sitzen. Die Deutschen sollten ihnen Asyl geben, finde ich.
    SPIEGEL: Warum?
    Raman: Weil das gut ist für ihr Land. Hier gibt es zu wenige Menschen. Und wenn ich hier später als Arzt arbeite, bekomme nicht nur ich etwas, sondern auch Deutschland. Ich zahle dann ja Steuern.




    Ranem, 19, ist Syrerin, seit zwei Jahren in Deutschland und inzwischen als Flüchtling anerkannt.
    In einem Café, im neunten Stock eines Passauer Hochhauses, sitzt in Röhrenjeans Ranem Bwedani und bestellt in fast akzentfreiem Deutsch einen Latte macchiato. "Für mich ist es ein Akt der Menschlichkeit, dass wir Asyl bekommen", sagt sie. Kann es auch eine Chance sein für Deutschland, dass so viele Flüchtlinge kommen? "Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht. Es sind einfach viel zu viele."
    Ranem kommt öfter in dieses Café, sie macht jetzt – bis sie studieren kann –, was man als normales Mädchen in ihrem Alter so macht: mit Freundinnen durch die Stadt bummeln, Käsekuchen essen, und "bald möchte ich mal campen gehen". Nur, dass viele sie nicht als normal ansehen, Ranem fühlt sich falsch eingeschätzt von den Deutschen. "Wir hatten ein gutes Leben, wir hatten Geld, wir sind gebildete Leute", sagt sie, "aber viele sehen uns hier als unmodern oder unterentwickelt an."
    Die Leute fragen sie, ob Frauen in ihrem Land tatsächlich Auto fahren dürften oder warum sie auch Englisch und Französisch spreche. Sie fragen, ob ihr Kopftuch nicht ein Zeichen der Unterdrückung sei. "Das sind echt komische Fragen für mich", sagt Ranem. Mit ihrer Mutter lacht sie darüber, dass es blaue Mülltonnen gibt, nur für Papier. Oder darüber, dass die Menschen mehr als hundert Euro für Grabschmuck ausgeben, obwohl die Toten ihn nicht sehen können. Sie macht Fotos von diesen Dingen, dann werden sie weniger fremd.




    Omara, 21, Jurastudent aus Aleppo, lebt seit dreieinhalb Monaten in einem Heim in Kellberg, nahe Passau.
    "Am Anfang, als Deutschland noch besonders hart für mich war, habe ich eine Spinne in meinem Zimmer großgezogen. Ich habe einen Zettel an die Wand gehängt, auf dem stand: Wer diese Spinne tötet, ist in diesem Raum nicht willkommen. Das klingt irre, aber jeder braucht jemanden, und ich kannte niemanden hier. Eines der ersten Wörter, die ich von einem Deutschen gehört habe, war: 'Arschloch'. Ich lief durch Kellberg, da fuhr ein Typ in seinem Auto an mir vorbei und zeigte mir den Finger. Ich antwortete ihm: 'Bitte'. Das Wort hatte ich auf YouTube gelernt. Ich dachte, alle Deutschen seien so, aber als ich nach ein paar Wochen zum Passauer Bahnhof fuhr, um zu sehen, wie es den Flüchtlingen geht, die gerade erst ankommen, lernte ich, dass es auch gute Menschen gibt. Sonja zum Beispiel, eine der Ehrenamtlichen. Wir sind Freunde, sie hilft mir viel. Und ich stehe jetzt jeden Tag als Übersetzer mit am Bahnhof. Seitdem lerne ich auch mehr über die Menschen. Zum Beispiel, dass sie sich auf der Straße küssen, einfach so, dass es Mädchen gibt, die in Unterwäsche rausgehen, dass die Leute draußen Bier trinken. Freiheit ist ja gut, aber wo ist die Grenze, der Respekt vor anderen Menschen?"



    Dino, 27, Rom aus Mazedonien, lebt seit einigen Monaten mit seiner Frau und seinen Kindern in Lambsheim in Rheinland-Pfalz. Er gibt als Beruf Maler, Bauarbeiter, Flaschensammler, Autowäscher und Wahrsager an.
    SPIEGEL: Wonach schmeckt Deutschland?
    Dino: Nach Kinder-Milch-Schnitte.
    SPIEGEL: Wie riecht Deutschland?
    Dino: Nach nassem Rasen.
    SPIEGEL: Was ist die erste deutsche Regel, die Sie gelernt haben?
    Dino: Wenn Frau Lisa mit der goldenen Glocke klingelt und "Essen" schreit, dann gibt es Essen im Lager.
    SPIEGEL: Was ist das erste deutsche Wort, das Sie gelernt haben?
    Dino: Essen. Hände waschen.
    SPIEGEL: Warum soll Deutschland Ihnen Asyl geben?
    Dino: Weil ich fünf Kinder habe, weil ich selbst erst 27 bin und Deutschland uns braucht. Weil in Deutschland mehr Menschen sterben, als geboren werden.
    SPIEGEL: Sie kommen aus Mazedonien, das ist doch ein sicherer Herkunftsstaat.
    Dino: Wer hat eigentlich bestimmt, dass Bomben gefährlicher sind als Hunger? Ich möchte auch endlich acht Euro die Stunde verdienen und nicht acht Euro am Tag. Gott hat uns Roma kein Land gegeben, warum? Damit wir überallhin können auf dieser Welt. Das war sein Plan, die Menschen machen ihn kaputt.
    SPIEGEL: Was waren schlimme Momente, seit Sie in Deutschland sind?
    Dino: Als meine Kinder Angst vor dem Wasser im Schwimmbad hatten, weil sie noch nie in einem Schwimmbad waren. Als der Heimleiter mir eines Tages sagte: "Du weißt schon, dass 99,9 Prozent von euch Roma wieder nach Hause auf den Balkan geschickt werden, oder?"
    SPIEGEL: Und schöne Momente?
    Dino: Als wir im Supermarkt waren und meine Familie alles in den Einkaufswagen warf, was sie haben wollte, und ich ihnen das erste Mal in meinem Leben nicht die Sachen wieder aus der Hand nehmen und sie zurücklegen musste in die Regale. Als mein kleiner Sohn freiwillig ins Bad ging, weil hier warmes Wasser aus der Leitung kommt. Als ich auf dem Sperrmüll ein Ehebett fand, es ist das erste gemeinsame Bett unserer Ehe. Als ich meiner Frau das erste Mal in zehn Jahren Ehe etwas schenken konnte. Dass wir drei Zimmer haben und Türen, die sie trennen, statt neun Quadratmeter in Mazedonien. Ich weiß nicht, ich könnte stundenlang aufzählen.



    Fadi, 23, aus Damaskus, lebt seit ein paar Wochen im Zeltlager in Hamburg-Ohlstedt.
    Das Kostbarste, das Fadi besitzt, ist ein Schreibheft, DIN-A4 liniert, zwei Spalten auf jeder Seite. Mit Bleistift hat er wichtige deutsche Wörter hineingeschrieben, links in lateinischen Buchstaben, rechts auf Arabisch. Die Deutschen, denen er das Heft zeigt, bewundern die Schönheit der arabischen Schrift, die Syrer bestaunen die Schmucklosigkeit des Deutschen: Wasser. Hunger. Durst. Das erste deutsche Wort, das Fadi notiert hat: Esel.
    Mit drei anderen Jungs in seinem Alter teilt er sich Zelt 36. Syrien, das ist für ihn das Geräusch anfliegender Flugzeuge, detonierender Bomben, das Rattattatt von Maschinengewehren. Wie Deutschland klingt? Gar nicht, sagt er. "Nach Stille."
    Das Erste, was er hier lernte: wie wichtig Pünktlichkeit ist. Bisher, sagt er grinsend, habe er "nach der arabischen Uhrzeit" gelebt. Jetzt gilt: Wenn er sich für 14 Uhr verabredet, soll er am besten um fünf vor zwei da sein.
    Jeden Freitag geht er zum Fußball. Duwo 08, der Ohlstedter Sportverein, hat Flüchtlinge eingeladen, gemeinsam machen sie Dehnübungen, Gymnastik, Abklatschen. Einmal hat der Trainer sie mitgenommen in die Innenstadt, Hauptbahnhof, Hafenrundfahrt, sie sollten ein Gefühl kriegen für die Stadt. Was ihn am meisten erstaunt hat? Die Häuser in Hamburg sind zwar kleiner als in Damaskus, sagt Fadi, aber aufwendiger verziert. Und, sehr seltsam: In Restaurants darf nicht geraucht werden.



    Hamid, 32, Journalist aus Herat, Afghanistan, seit Dezember 2014 in Deutschland, lebt in Schacht-Audorf bei Rendsburg.
    "Ich habe meine Heimat verlassen, weil mich die Taliban bedroht haben. Einmal haben sie die Scheiben meines Autos zertrümmert, ein andermal haben sie mich zusammengeschlagen. Ich habe das bei der Erstaufnahme erzählt. Der Mann dort hatte aber nur zwei Fragen: warum ich nicht in eine andere Stadt gezogen sei? Und wer mir geraten habe, meine Dokumente in Klarsichthüllen aufzubewahren?
    Jetzt lebe ich in Schacht-Audorf, einem kleinen Ort bei Rendsburg, am Nord-Ostsee-Kanal. An meinem ersten Tag nahm mich eine Frau beiseite und erklärte mir, dass es in Deutschland Ampeln gebe. Dass man bei Rot stehen bleiben müsse.
    Deutschland ist trotzdem mein Wunschland, Deutschland hat uns Afghanen sehr geholfen. Ich kenne Bayern München, Dortmund, die Nationalmannschaft. Deutschland ist Freiheit für mich. Was mich allerdings wundert: Man hört zwar Kirchenglocken, aber keinen Muezzin, obwohl es in Rendsburg eine Moschee gibt. Das ist nicht Freiheit. Das Großartige an Deutschland: Gerade für junge Menschen ist alles möglich. Wer lernen will, hat unbegrenzte Möglichkeiten. Mir gefällt, dass alle immer 'bitte' und 'bitte schön' sagen; dass alle die gleichen Rechte haben, Alte und Junge, Chefs und Untergebene. Was mir nicht gefällt: dass viele Leute flüstern, wenn ich in eine Kneipe komme oder zum Friseur: Terrorist. Achtung, Taliban."




    Mariam, 23, Studentin der Pharmazie, aus Damaskus, kam vor eineinhalb Jahren in Hamburg an.
    Mariam sitzt unter ein paar Hundert Flüchtlingen in einem Hörsaal an der Universität Hamburg, wo ihnen an diesem Nachmittag erklärt wird, wie und was sie in Deutschland studieren können. Es sind die Migranten, auf die die Wirtschaft hofft: jung und mit guter Grundausbildung, die künftigen "Fachkräfte". Es gibt nur wenige Frauen unter ihnen.
    Mariam hat in Damaskus ein paar Semester Pharmazie studiert, damit möchte sie nun in Deutschland weitermachen oder mit Medizin beginnen, sie weiß es noch nicht. Sie trägt enge Jeans, schicke Stiefel mit Absätzen und ein T-Shirt, auf dem "You are my star" steht, während ein weißer Hidschab ihr offenes Gesicht umrahmt. Seit ein paar Monaten lernt sie Deutsch an der Volkshochschule. "Ich mag das deutsche Wort ,Dankeschön'", sagt sie auf Englisch, "ich mag die Idee, dass man ,Danke' und ,schön' in einem Wort gleichzeitig sagt."
    Sie zeigt Fotos in ihrer Facebook-Chronik, eines zeigt sie bei einer Pferdekoppel im Freilichtmuseum am Kiekeberg bei Hamburg. "Pferde liebe ich sehr. In Syrien, bevor der Krieg kam, war ich manchmal reiten. Irgendwann möchte ich das auch in Deutschland tun." Sie hat viel über deutsche Frauen nachgedacht, seit sie hier ist. "Sie sind sehr frei in ihrem Denken und Verhalten, es gibt keine Grenzen für sie." Sie bewundert das und wundert sich gleichzeitig darüber. "Ich mag es, wenn ich weiß, wo meine Grenzen sind als Frau." Sie glaubt nicht, dass sie den Hidschab je ablegen wird, weil sie möchte, dass jeder sofort erkennt, dass sie Muslimin ist. Zum Heiraten, später, kommt für sie nur ein muslimischer Mann infrage.



    Naman, 36, IT-Spezialist aus dem Norden Syriens, Kurde, lebt seit Juli 2014 in einem Flüchtlingsheim in Bremen.
    "Deutschland scheint mir ein freundliches Land zu sein, irritierend ist aber, dass die Deutschen dauernd Kalorien zählen. In den Supermärkten sehe ich ständig Menschen, die auf Lebensmittelverpackungen starren, um herauszufinden, wie viel Fett in den Sachen steckt. Das ist bei uns anders. Wir essen einfach, was uns schmeckt. Ich glaube, das ist auch besser so, essen sollte Spaß machen. Wenn ich irgendwann mal Arbeit habe, werde ich mir einen Computer kaufen. Und eine Playstation."




    Barjas, 37, Fotograf aus Idlib, Syrien, lebt seit zwei Monaten in Freital, Sachsen.
    "Das erste deutsche Wort, das ich gelernt habe, war ,Pegida'. Es stand überall am Bahnhof, als ich in Dresden aus dem Zug stieg. Am Anfang dachte ich, es stehe für ,Willkommen'. Heute weiß ich, es bedeutet das Gegenteil. Hass gegen Fremde gibt es auch in Syrien. Ich verstehe, dass die Deutschen Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren. Aber was würden sie selbst tun, wenn Bomben auf ihre Heimat fielen? Ich kann nicht glauben, dass der Krieg auch mal in Deutschland war. Alles hier wirkt so sauber und geordnet. Man sieht die Deutschen nie streiten, und nur wenige tragen Waffen. Wenn Deutschland ein Geräusch macht, dann klingt es nicht nach Explosionen, sondern wie das Rascheln von Papier. Ohne Anträge und Unterschriften geht nichts voran, aber wer sich den ganzen Tag damit beschäftigt, dem fehlt abends die Energie, Bomben zu bauen und andere zu töten. Vielleicht geht es Deutschland deshalb so gut."



    Saad, 27, Medizinstudent aus Aleppo, lebt seit drei Monaten in einem Heim in Freital, Sachsen.
    "In Syrien heißt es, Deutschland sei das Land der Menschlichkeit. Aber hier, im Osten, benehmen sich die Deutschen nicht wie Menschen. Sie spucken einen an und sagen, wir sollen abhauen oder unser Heim wird brennen. Wir Flüchtlinge gehen hier nur gemeinsam auf die Straße, weil wir sonst verprügelt werden. Vor ein paar Tagen wollte ich einkaufen, da haben mich drei Männer aufgehalten und mir mit einer Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Ich kann den Hass der Leute nicht verstehen. Was haben wir ihnen getan? Wenn ich freundlich nach dem Weg frage, gehen sie weiter, als hätte ich eine Krankheit. Ich weiß, ich bin nur ein Gast hier. Aber so behandelt man keine Gäste. Früher habe ich immer von Deutschland geträumt. Ich dachte, es ist das beste Land der Welt. Ich habe in Syrien acht Jahre lang die Sprache gelernt, am Goethe-Institut. Aber jetzt, wo ich in Deutschland bin, verlerne ich alles, weil kein Deutscher mit mir spricht. Um allein zu üben, schaue ich viel Fernsehen, jeden Tag sieben Stunden, vor allem MDR und ZDF. Meine Lieblingsserie handelt von einem Arzt, der in den Bergen arbeitet. Die Welt dort ist freundlich und grün. Die Männer sind warmherzig und die Frauen schön. Ich glaube, diese Serie spielt auch in Deutschland. Aber das ist ein anderes Deutschland als hier."




    Miran, 25, Architekt aus Damaskus, lebt seit sechs Wochen in einem Flüchtlingslager im Osten Hamburgs.
    "Diese Zeichnung hängt auf einer Toilette beim Flüchtlingslager. Ich nehme an, dass manche Leute das Toilettenpapier auf den Boden warfen, weil sie es von zu Hause gewohnt sind, dass man Papier nicht ins Klo schmeißen darf, weil es die Abflüsse verstopft.
    Bevor ich Syrien verließ, wusste ich von Deutschland nicht mehr als ein paar Stichwörter – Mercedes, BMW, Bayern München. Und natürlich die Sache mit den Nazis. Jetzt ist Deutschland für mich vor allem grün. Grüne Wiesen und Bäume waren das Erste, was ich hier sah, und selbst hier in der Stadt stehen überall Bäume. Ich bin in dieses Land gekommen, weil viele andere Flüchtlinge, die schon früher da waren, auf ihren Facebook-Seiten schrieben, dass man hier rasch einen Job kriegen kann und dass das Wetter gut ist. Ganz so einfach ist es nicht. Ich dachte, es würde schneller gehen, bis man einen Ausweis und eine Arbeitsbewilligung erhält. Ich dachte auch nicht, dass wir in Zelten schlafen würden. Es gab Leute, die mir geraten haben, nach Schweden oder Norwegen zu gehen, weil der Staat dort den Flüchtlingen mehr Geld gibt als Deutschland. Aber ich will kein Geld vom Staat, ich will arbeiten. Ich bin Architekt. Irgendwann werde ich Häuser für deutsche Familien bauen."

    Jehanzaib, 19, Businessstudent aus der Kaschmir-Region in Pakistan, lebt seit einem Monat in der LEA in Wertheim.
    "Wir haben so eine Frucht an einem Baum gesehen und sie gepflückt. Sie hatte Stacheln, aber man konnte die Schale aufmachen und die braune Frucht darin herausholen. Dann haben wir versucht, sie zu essen, aber sie war sehr hart, und man konnte sie nicht kauen. Heute weiß ich, dass diese Früchte Kastanien heißen.
    Im Heim müssen wir immer eine Essensschlange bilden, und alle stellen sich an. In Pakistan laufen die Leute einfach kreuz und quer drauflos. Scheint eine deutsche Regel zu sein mit dem Anstellen. Man sieht das auch an den Ampeln, die hier überall stehen. Wenn die Ampeln rot sind, warten alle, bis sie grün wird, auch wenn gar kein Auto auf der Straße fährt."


    Mustafa, 31, irakischer Elektroinstallateur, geflohen aus Rakka, Syrien, lebt seit zwei Monaten in Heidenau, Sachsen.
    SPIEGEL: Warum soll Deutschland Ihnen Asyl gewähren?
    Mustafa: Weil mir der IS sonst den Kopf abschneidet.
    SPIEGEL: Wie geht es Ihnen hier?
    Mustafa: In meiner Heimat hieß es, Deutschland sei ein strenges Land mit vielen Regeln. Man sagte, es gebe mehr Verkehrsschilder als Menschen, und die Leute führten Hunde wie Gefangene an Ketten. Jetzt, wo ich hier bin, finde ich die meisten Deutschen gar nicht so streng, aber sie lächeln fast nie, obwohl sie ja gute Autos und große Häuser haben.
    SPIEGEL: Sie vermissen die Freude?
    Mustafa: Viele Deutsche freuen sich nur dann, wenn man "Biergarten" sagt. Das ist ein Ort, wo die Menschen lachen und sich verkleiden dürfen, wie bei einem Fest für Kinder. Als Flüchtlinge bekommen wir dort keinen Zutritt, weil wir kein Geld haben und keine deutschen Lieder kennen.



    Houssam, 32, Grafikdesigner aus Aleppo, wurde in Büren, Nordrhein-Westfalen, geboren, ging als Sechsjähriger mit den Eltern nach Syrien zurück und lebt seit Kurzem in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hardheim.
    "Viele meiner Landsleute beschweren sich heute über alles hier: das Essen, die Unterkunft, aber die sehen nicht, was für ein Druck auf Deutschland lastet. Für ein Camp ist es sehr gut hier. Wir Syrer sind laut und schreien uns immer nur an, in Deutschland ist es viel ruhiger und harmonischer. Ich bin zu Beginn versehentlich in Berlin gelandet. ..................



    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139341771.html
    - - - Aktualisiert oder hinzugefügt- - - -

    weitere Relotius-Geschichten http://www.spiegel.de/kultur/gesells...a-1244901.html
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  3. #3
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    AW: Artikel von Claas Relotius

    Im Beitrag #9 hatte ich schon eine Ahnung https://open-speech.com/threads/6417...light=relotius
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