Bin-Laden-Film bringt Obama in Bedrängnis

Für Informationen über die Tötung von Osama Bin Laden gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Doch vertrauliche Dokumente belegen, dass Barack Obamas Regierung Hollywood-Produzenten detailliert Auskunft geben wollte. Die Republikaner wittern Geheimnisverrat.


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Transparenz hat Barack Obama im Wahlkampf versprochen, doch im Amt zeigt er sich bislang höchst zugeknöpft. Der Präsident hat bereits mehr mutmaßliche "Geheimnisverräter" unter US-Beamten angeklagt als jeder seiner Vorgänger. Der Stabsgefreite Bradley Manning, mutmaßlicher WikiLeaks-Informant, wartet in einem Militärgefängnis in Virginia auf seinen Prozess, ihm droht lebenslange Haft.

Doch geht es um die geheimste aller Geheimoperationen, die Tötung von Osama Bin Laden durch eine Gruppe von Navy Seals, gab sich Obamas Umfeld ungewöhnlich gesprächsbereit - zumindest gegenüber Hollywood-Produzenten, die das Ende des Terrorfürsten verfilmen wollten.

Kathryn Bigelow zum Beispiel: Die Oscar-Preisträgerin ist Regisseurin des Films "Zero Dark Thirty". Die originalgetreue Rekonstruktion der spektakulären Tötung Bin Ladens in der pakistanischen Stadt Abbottabad sollte unmittelbar vor der US-Präsidentschaftswahl im November in die Kinos kommen. Bigelow bemühte sich für "Zero Dark Thirty" schon unmittelbar nach dem Tod des Chefs von al-Qaida um exklusive Hintergrundinformationen von Pentagon und dem Geheimdienst CIA. Sie erhielt rasch eine Antwort. "Wir werden Zugang zu einem Seal-Team-6-Kommandeur gewähren, der an der Planung der Aktion von Beginn an beteiligt war", versprach Geheimdienst-Staatssekretär Michael Vickers der Filmemacherin und ihrem Drehbuchautoren Mark Boal bei einem Treffen.

"Der Mann wird alles bieten, was Sie wollen. Er wird Ihnen viele farbige Details schildern können", versicherte Vickers. Und ein Rundgang durch das Kommandozentrum, von dem aus weite Teile des Einsatzes gegen Bin Laden geplant wurden? Ebenfalls kein Problem, hieß es. "Das ist unglaublich", antwortete Bigelow hocherfreut. Nachzulesen ist der Dialog auf 266 bislang geheimen Manuskriptseiten, die US-Verteidigungsministerium und CIA gerade auf Antrag von Judicial Watch, einer rechten Aktivisten-Gruppe, freigeben mussten.

Sie enthüllen zwar keinen Geheimnisverrat der Obama-Regierung, denn das geplante Treffen mit dem Navy-Seals-Kommandeur kam dann doch nicht zustande. Drehbuchautor Boal durfte aber das Kommandozentrum besichtigen und CIA-Chefs interviewen.

Dennoch ist die Veröffentlichung für Obama peinlich. Denn sie zeigt, wie bemüht Präsidentenberater waren, Bigelow und Boal mit Details für einen Film zu füttern, der ihnen höchst gelegen kam. Obamas Umfeld erhoffte sich von einem Streifen über die Aktion in Abbottabad offenbar einen Image-Schub für den Wahlkampf. Die Tötung des Terrorchefs gilt immerhin als Großtat des Präsidenten.

Das geplante Treffen mit dem Navy-Seals-Kommandeur platzte womöglich nur deshalb, weil über die bevorzugte Behandlung für Bigelow und Boal öffentlich berichtet wurde. Denn im August 2011 beschrieb die "New York Times"-Kolumnistin Maureen Dowd, wie Boal Beamte im Weißen Haus und im Pentagon traf, um Informationen über die streng vertrauliche Kommandosache zu sammeln - und außerdem an einer CIA-Zeremonie zu Ehren der beteiligten Seals teilnahm, was Militärvertreter missbilligten.

Kritik an den Vorgängen kam natürlich umgehend von den oppositionellen Republikanern: Sei es nicht verdächtig, dass "Zero Dark Thirty" kurz vor dem Wahltag in die Kinos kommen solle? Noch dazu finanziert vom Filmstudio Sony, dessen Chef zu den Top-Spendern der Demokraten gehört?

Der Film kommt jetzt erst nach den Wahlen

Peter King, republikanischer Vorsitzender des Heimatschutz-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus und als Krawallmacher bekannter Konservativer, sah eine Chance, den Bin-Laden-Triumph in eine Niederlage für Obama zu verwandeln. Er verfasste einen Brief an die Generalinspekteure von CIA und Pentagon. Darin zitierte King Ex-Verteidigungsminister Robert Gates ("Zu viele Leute reden über den Bin-Laden-Einsatz") und kritisierte, "die Lecks nach der erfolgreichen Mission haben die Helden des Einsatzes sowie ihre Familie gefährdet".

King forderte eine "umfassende Untersuchung" des vermeintlichen Geheimnisverrats in Obamas Umfeld. Nicht ohne Erfolg: Die CIA hat mittlerweile angekündigt, ihre Leitlinien zu Anfragen der Unterhaltungsindustrie zu überarbeiten. Das Pentagon meldete den Beginn einer offiziellen Untersuchung in Sachen Bigelow.

Rasche Ergebnisse sind aber nicht zu erwarten. "Die Untersuchung dauert an, und jede Information über ihren Zeitrahmen wäre voreilig", sagt eine Vertreterin des Pentagon dem SPIEGEL. Das Weiße Haus hat bereits jede Schuld von sich gewiesen. "Wir veröffentlichen niemals vertrauliche Informationen", sagte Jay Carney, Obamas Pressesprecher. Daran änderten auch die Erkenntnisse aus den nun veröffentlichten Manuskripten nichts, beteuerten Regierungsvertreter.

Republikaner King sieht das natürlich anders: "Nachdem ich die Dokumente gelesen habe, mache ich mir noch mehr Sorgen, dass Geheimnisse weitergegeben wurden", sagt er.

Die Filmemacher Bigelow und Boal versuchen seit längerem, die Debatte zu entschärfen. In einer schriftlichen Stellungnahme betonten sie, ihr Film drehe sich um die jahrelange gefährliche Jagd nach Bin Laden, die von US-Beamten aus beiden politischen Lagern vorangetrieben worden sei.

"Dies war ein amerikanischer Triumph, heldenhaft und überparteilich", schrieben Bigelow und Boal. "Es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass unser Film diesen gewaltigen Sieg in irgendeiner anderen Form darstellen wird."

Doch sicher ist sicher: "Zero Dark Thirty" soll nun erst am 19. Dezember anlaufen. Dann ist der Wahlkampf längst vorbei.

Autor Boal hat übrigens schon einen Folgeauftrag an Land gezogen: Er soll das Drehbuch für einen Hollywoodfilm über WikiLeaks-Gründer Julian Assange verfassen.
Quelle: Spiegel Online http://www.spiegel.de/politik/auslan...-a-835152.html