Ein Artikel über einen Nigerianer, der 2015 nach Deutschland flüchtete

Mal wird etwas in den Mund gelegt, mal nicht hinterfragt und als Wahrheit vermittelt, mal werden wichtige Informationen ausgelassen, mal etwas aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht. Alles in allem ein üblicher manipulativer Artikel:

Integration in GL: „Gehört der auch zu Ihnen?“

von Holger Crump 6. August 2020

Henry Ozodinobi ist vor 28 Jahren in Nigeria geboren. Anfang 2021 macht er seine Gesellenprüfung als Metallbauer in Deutschland. Dazwischen liegt eine waghalsige Flucht, um sein Leben zu retten. Aber auch hier ist seine Zukunft ungewiss. Wir haben mit Henry über sein Leben gesprochen – wo liegen die Chancen und Hürden der Integration?


Worin die Verfolgung „waghalsige Flucht, um sein Leben zu retten“ lag, wird der Leser im Artikel nicht zu lesen bekommen.

Hier wird nicht hinterfragt:

Der Weg nach Europa führte Henry in 2015 über das Mittelmeer. In einem Schlauchboot, mit Platz für 50 Passagiere. Und mit 150 Frauen, Kindern und Männern an Bord völlig überladen. „Gepäck war nicht möglich, um möglichst viele Menschen auf das Boot zu bekommen“, schildert Henry. Erst die dritte Überfahrt gelingt. Vorher sei das Boot zweimal gekentert. „Ich konnte nicht schwimmen. Eine Welle trug mich ans Ufer. Sonst …“. Den Rest des Satzes lässt Henry offen.

Immerhin – Libyen, das sagt uns was im Zusammenhang mit Schleusung, Schleppung und radikalislamischen Kräften. Allerdings wird auch hier nicht gefragt, wie er nach Libyen kam und warum er nicht in Libyen blieb (außer natürlich 6 Monate lang, von denen der Leser nicht erfährt, was er die 6 Monate in Libyen machte). Selbstredend steht nur zu lesen, dass er auf die Passage nach Europa (= Deutschland?) wartete.

Vorher lebte er sechs Monate in Libyen und wartete auf die Passage nach Europa. Er wurde von Schlepper zu Schlepper weitergereicht, die immer wieder Aufbruch versprachen, aber letztlich nur abkassierten.

Dass er offensichtlich mit einer genauen Vorstellung von seinem Zielland auf die Reise ging – auch wieder nicht hinterfragt und nicht näher erörtert – ergibt sich aus dieser kleinen Passage, in der kein Wort zuviel verschwendet wird:

Von Italien ging es mit dem Zug und viel Glück nach München. Nach dem Aufnahmeantrag weiter nach Dortmund und Aachen. Vorläufige Endstation: Kürten im Bergischen.

Studium oder Ausbildung, ist hier die große Frage:

Ausbildung zum Metallbauer

„In Nigeria wollte ich studieren“, meint Henry. Kurz vor dem Start seiner Ausbildung floh er aus dem Land.

In der nächsten Passage gibt es aber sogar einen Satz zuviel, nämlich die Wertung „Gesetzeshürde“:

In Deutschland fehlt eine zweite Fremdsprache, um eine Anerkennung für sein nigerianisches Abitur zu erhalten. Statt Uni also Berufsschule und Meisterbetrieb. Eine Gesetzeshürde. Henry nimmt sie gelassen. Über ein Praktikum bei der Arbeiterwohlfahrt habe er zum Metallbau gefunden, ein zweites Praktikum schloss sich an. Der Betrieb wollte ihn als Dauerpraktikanten halten.

Auch hier wird nicht näher nachgefragt. Ist es zu mühselig oder werden mit den Informationen über die Dauerpraktika falsche Emotionen geschürt? Dauerpraktika, die vollständig von der Bundesagentur für Arbeit (die die Gelder der Arbeitslosengeldversicherung verwaltet, auf die Arbeitnehmer nur unter bestimmten Voraussetzungen einer versicherungspflichtigen Beschäftigungsdauer in einem festgelegten Zeitraum Anspruch haben) bezahlt werden, wurden extra für Flüchtlinge entworfen und umgesetzt. Die sonstigen Praktika kennen nur die Dauer von 3 Monaten, die Langzeitpraktika sind hier ein Sonderfall.

„Das scheint durch Fördergelder recht lukrativ für die Betriebe zu sein. Da haben wir uns aber gegen gewehrt“, meint Klaus Kahle.

Klaus Kahle, ihn sieht man auf Artikelbildern. So braun und lässig und leicht untersetzt der Nigerianer in die Kamera schaut, so hager, bleich und überheblich, gleichzeitig aber unbeholfen wirkt dieser Klaus Kahle, der seinen Selbstwert in seinem vorgestellten Posten der Kümmerei findet. Ein deutscher Depp eben.

Er unterstützt ehrenamtlich Geflüchtete aus Afrika. Er hilft bei Behördengängen, bei der Bewältigung des Alltags, hört sich Sorgen an und verbringt viel Freizeit mit „seinen“ Jungs.

Ziel war ein Ausbildungsplatz, und den gab es in einem anderen Betrieb per Initiativbewerbung. „Eigentlich wollte mein neuer Chef niemanden einstellen“, erklärt Henry. Aber letztlich hat dieser ihm dann doch eine Chance gegeben. Das war 2017.
Im November 2020 macht er nun seine theoretische Abschlussprüfung, der praktische Teil folgt im Januar 2021. Was wird dann?


Gleich kommen wir zum interessantesten Teil des Artikels, nämlich dem, was der Artikel verschweigt oder gar unterschlägt:

Duldung statt Asyl

Sein Asylantrag sei abgelehnt worden, berichtet Henry. Mal wieder eine Hürde. Aber: Da er einen Ausbildungsplatz habe, werde er erst einmal bis zum Abschluss geduldet. „Das nennt man Ausbildungsduldung“, fügt Klaus hinzu: Im Januar 2020 habe die Bundesregierung das so genannte Beschäftigungsduldungsgesetz erlassen. Wer seinen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit sichern könne und gut „integriert“ sei, der werde während dieser Zeit in Deutschland geduldet. Selbst bei abgelehntem Asylantrag.


Wer glaubt, er habe hier eine umfassende Information erhalten, irrt. Dazu später, vorab noch folgende Passage, aus der aus fehlenden und falschen Informationen glatte Lügen werden:

In Henrys Fall bedeutet das: Besteht er die Abschlussprüfung, und findet er einen Job sowie eine Wohnung, dann hat er gute Perspektiven auf eine zunächst befristete Aufenthaltserlaubnis.

Eine Wohnung braucht der Nigerianer nicht. Lüge! Was er benötigt und wie er zu der Duldung kam und in was die Duldung besteht und mit was sie endet, erschließt sich dem Leser erst, wenn er die teilweisen – Fehlinformationen – des Artikels mit der von Kanzlerin Merkel ins Leben gerufene 3 + 2 – Regelung vergleicht. Diese hat der Artikel nämlich unterschlagen: Der Nigerianer ist in der 3 + 2-Regelung.

Diese besagt, dass ein Flüchtling unabhängig seines Asylverfahrens und dessen Ausgang (also auch einer etwaigen Ablehnung) ein dauerhaftes Bleiberecht erhält, wenn er eine Ausbildung beginnt.
Diese dauert 3 Jahre
(da aber viele Flüchtlinge gar nicht in der Lage sind, eine ordentliche Berufsausbildung abzuschließen, wurden Helferausbildungen mit sogenannten vorgeschalteten Langzeitpraktika -die auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden und überlangen Helferausbildungen, so dass die 3 Jahre auf für Ausbildungen mit üblicherweise 1jähriger Dauer oder Anlernausbildungen z.B. bei der Bahn, wo man in Wochen und Monaten rechnet – auf die erforderliche Länge von 3 Jahren gedehnt)
nach den 3 Jahren schließt sich ein halbes Jahr erlaubte und über die Arbeitslosenversicherung plus Steuergelder/Sozialhilfe finanzierte Arbeitslosigkeit an, in der der Flüchtling Zeit hat, einen Job zu finden
(was alleine schon abenteuerlich klingt, denn angeblich werden die Flüchtlinge ja in sogenannten Facharbeiterberufen mit dringendem Personalbedarf ausgebildet, müßten also infolgedessen nicht noch im Anschluß an ihre Ausbildung einen Job suchen)
einen Job zu finden in irgendeinem Beruf, also auch einem ungelernten, und zudem auch in Teilzeit oder als Minijob, d.h. mit Steuergeldern aufgestockt
in diesem Job muss er noch 1 1/2 Jahre arbeiten, um die 5 Jahre zu vollenden, die ihm ein gesetzlich verbrieftes und einklagbares Recht auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung sichern

Das alles scheint der Schreiber nicht zu wissen oder er möchte nicht, dass der Leser dieses weiß. Deshalb unerläßt er es schon mal vorsorglich, die 3+2-Regelung in diesem offensichtlichen Musterfall zu erwähnen, sondern fabuliert über mögliche Perspektiven, die in diesem Fall jedoch sicher sind. Aber ein Ausrufezeichen macht sich immer gut, ein wenig Panik, der Flüchtling müßte als abgelehnter Asylbewerber dieses Land doch noch verlassen müssen.

Und nun kommen wir zu einer weiteren, dicken Lüge. Am Anfang des Artikels lasen wir noch, der Flüchtling hätte sein Leben retten müssen:

Dazwischen liegt eine waghalsige Flucht, um sein Leben zu retten.

Eigentlich ein Versprechen, das der Artikel durch eine Schilderung der Verfolgung des Nigerianers hätte einlösen müssen. Das tat er aber nicht, weil es anscheinend keine Verfolgung gab. Die deutsche Sprache hilft aber ungemein. Der Schreiber greift die Anfangsformulierung wieder auf und formuliert um:

Das sind ziemlich viele Voraussetzungen auf einmal. Wieder Hürden? Keineswegs. Für Henry die einzige Chance. Ein Plan B – Rückkehr nach Afrika – sei völlig ausgeschlossen. Er hat sein Leben riskiert, um sein Leben zu retten. Für Henry liegt die Zukunft in Deutschland, auch wenn es schwierig ist.

Er hat also sein Leben riskiert, um sein Leben zu retten. Das klingt fast schon philosophisch.

Und nun kommen wir – Black lives matter – zu einem ganz wichtigen Punkt, nämlich der Diskriminierung, nein, dem Rassismus, der dem Nigerianer in Deutschland begegnet. Das Gemälde wird alleine aufgrund seiner Eigenerzählung entworfen, so unglaubwürdig diese Erzählung auch teilweise ist. Deswegen ist es auch immer ganz gut, mit einer Forderung zu beginnen, nämlich der, die Pflichten auszusetzen und stattdessen die Potentiale der Flüchtlinge zu nutzen. Manche derer glänzen in den Innenstädten gut ausstaffiert und teilweise goldbehangen in den Nachmittagsstunden. Auch ein Potential.

Fremdenfeindlichkeit

Mit den neuen Konzepten zur Integration scheint all dies indes wenig zu tun zu haben. Noch vor kurzem machte Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates in NRW, hier in GL deutlich was Integration für ihn bedeute: „Kein reiner Appell: Du musst Dich integrieren”.


Man muss die Flüchtlinge fragen, wie sie sich das Leben hier vorstellen und was sie möchten und vorhaben zu tun oder zu lassen:

Man müsse vielmehr auf die Potentiale der Menschen setzen und diese nutzen. Henrys Erfahrungen mit Integration klingen jedoch eher nach der Erfüllung eines Pflichtenheftes. Was er für Potentiale in unsere Gesellschaft einbringen könne, danach hat ihn scheinbar niemand gefragt.

Nun eine kleine Auswahl an Rassismus, wie er dem Nigerianer begegnete:

Ob er Fremdenfeindlichkeit in Deutschland wahrnehme? Henry zögert, um dann doch zu berichten. Auf der Arbeit fragte eine Bauherrin seine Kollegen: „Gehört der auch zu Ihnen?“ Eine weitere Bauherrin unterstellte, er werde nach dem Ende seiner Ausbildung sicher in sein Land zurückkehren um dort ein Geschäft zu eröffnen.

Und es folgt der Höhepunkt, denn die gleiche Bauherrin hätte gesagt – und es ist so offensichtlich in den Mund geschoben, da es so gar nicht zum Vorerzählten passt und gleichzeitig so plakativ ist. Aber offensichtlich wurde er ermuntert und ein ermunterter Afrikaner wird eben ausführlich:

Henry faltet die Hände: „Bitte, bitte nicht heiraten und keine Kinder kriegen“ ahmt er die Frau nach und schiebt gleich eine Erklärung hinterher.

So allmählich läuft der Artikel zur Hochform auf. Der Nigerianer wird wörtlich zitiert und was man in der wörtlichen Rede liest, ist bereits gutes Deutsch, man staune. (Ich darf vorwegnehmen, dass der Leser später noch einmal auf die sprachlichen Wunder des Nigerianers stoßen wird):

Vielleicht seien das Menschen, die nicht so oft Kontakt mit Afrikanern haben, erklärt er. „Für mich ist das offener Rassismus“ wendet Klaus ein. Henry meint: „Wegen zwei oder drei solcher Menschen will ich mich nicht schlecht hier fühlen“. Und er mache schließlich auch positive Erfahrungen.

Hier auf jeden Fall die Passage, die erläutert, dass der Nigerianer in Deutschland nur Kontakt zu Nigerianern und seinem deutschen Klaus pflegt:

Neue Heimat?

Wie sehr sich Henry hier überhaupt schon heimisch fühlt, ist schwer einzuschätzen. Er treffe sich mit seiner Community aus Nigeria und Klaus.Begegnungs-Cafés im Rahmen der Integrationshilfe sind nicht seine Welt.An Deutschland schätze er, dass man die Möglichkeit zur Auswahl aus vielen Berufen habe und diese auch tatsächlich erlernen könne. Dass seine Ausbildung bezahlt werde sei keine Selbstverständlichkeit. In Nigeria müssten Azubis im Kfz-Gewerbe ihre Ausbildung aus eigener Tasche bezahlen.

Abgesehen davon, dass es in Nigeria keine Ausbildung im Kfz-Gewerbe gibt, sondern dass alleine learning per doing die Lernform in Afrika ist. Azubis gibt es dort keine.

Es folgt die unhinterfragte Veröffentlichung von nicht näher erläuterten Beschuldigungen:

Deutliche Kritik üben beide, Henry und Klaus, an aus ihrer Sicht teils willkürlichen Entscheidungen der Ausländerbehörden. Sie berichten von Geflüchteten, die sich wie Henry in Ausbildung befanden und deren Arbeitserlaubnis entzogen worden sei. Fehlende Anerkennung von behördlichen Unterlagen sei der Hintergrund gewesen.

Es folgt das Glanzstück und der Höhepunkt dieses Artikels. Halten wir fest: Der Nigerianer kam 2015 nach Deutschland. Bis auf seinen Helfer Klaus, den er trifft, damit der ihm hilft, hat er nur Kontakt mit Nigerianern, mit denen er sich in seiner Landessprache unterhält. Von Begegnungen mit Deutschen im Rahmen von Begegnungscafes und der Integrationshilfe hält er nichts.
Dieser Nigerianer kann folgenden Satz formulieren – alle Achtung – in wörtliche Rede gesetzt:

Das ist nicht im Sinne der Integration, wenn ich von heute auf morgen meinen Job verliere“, meint Henry, und ergänzt: „Wo ist die Logik? Wer arbeitet bringt dem Land Geld, wer nicht arbeitet kostet Geld. Und die Motivation derer, die arbeiten wollen, wird so deutlich gesenkt!“

Und die Motivation derer, die …., wird so….“, also so einen Satz bekommen auch viele Deutsche nicht auf die Reihe und zwar Deutsche, die bereits vor 2015 im Land lebten und nicht nur überwiegend Kontakt mit Nigerianern pflegen. Daher: Ein Wunder! Oder eben eine Lüge und eine Manipulation des Artikelverfassers. (Schreibers wäre an der Stelle richtiger!)

Es wurde ein Heroe gezeichnet. In diesem Sinne schließt auch der Artikel:

Klare Worte von Henry, der ansonsten viele Dankesworte findet für Klaus, die Hilfsorganisationen, seinen Ausbildungsbetrieb und vieles mehr. Henrys Geschichte zeigt: Es gibt viele Hürden für Integration, über deren Sinn und Unsinn man streiten kann. Es gibt aber auch Chancen. Ohne den eisernen Willen der Betroffenen scheint es jedoch sehr schwer zu sein.

https://in-gl.de/2020/08/06/integrat…auch-zu-ihnen/

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